HSV-Trainer Wolf: „Abkippende Sechs? So würde ich nicht reden“

Autor : Maximilian Wessing | 24.01.2019

Wie der HSV-Trainer mit seinen Spielern spricht, wie er sich weiterbildet, wofür er steht.

Sport Bild: Herr Wolf, einige Spieler des HSV mussten im zurückliegenden Trainingslager noch nachträglich zum Einstieg singen. Haben Sie das nach Ihrem Amtsantritt auch gemacht? 

Hannes Wolf (37): Natürlich nicht (lacht).

Sind Sie denn ein nahbarer Trainer? Ein Spieler sagte zuletzt, er habe noch gar nicht Ihre Handynummer.

Natürlich muss man als Cheftrainer auch eine gewisse Distanz haben. Ich bin nicht am ersten Tag in die Kabine gekommen und habe gesagt: „Hier ist meine Nummer! Ihr könnt mich alle anrufen!“ Das war auch gar nicht notwendig, wir sehen und sprechen uns ja jeden Tag. Aber natürlich bin ich immer erreichbar für die Spieler. Und Sie können mit jedem Problem zu mir kommen.

Wie haben Sie sich den Spielern vorgestellt, als Sie das Amt übernommen haben?

Kurz und knapp. Ich bin zum HSV gekommen, und wir hatten drei Tage später schon wieder ein Spiel. Also bin ich schnell zu den Trainingsinhalten übergegangen, habe erklärt, welcher Spieler welchen Raum ausfüllen soll. Dann sind wir rausgegangen und haben trainiert. In den meisten Fällen kann man Dinge am besten auf dem Platz entwickeln.

Was war bislang Ihre skurrilste Situation beim HSV?

Im Grunde genommen sofort mein erstes Spiel in Magdeburg. Wir hatten zwei volle Tage Zeit, um etwas einzustudieren. Und dann bekommen wir recht früh im Spiel eine Gelb-Rote Karte – und alles ist gesprengt. Dann mussten wir innerhalb von Sekunden eine neue Taktik organisieren, die die Spieler gar nicht kannten. Wie sie das dann allerdings angenommen haben, hat mich beeindruckt. Wir haben das Spiel ja gewonnen. Das war sehr wichtig für unseren weiteren Weg.

Mit 37 Jahren sind Sie ein sehr junger Trainer. Jedoch philosophieren Sie nicht, wie manch anderer, über eine „diametral abkippende Sechs“. Unterscheiden Sie sich von Ihren jungen Kollegen?

Ich kenne die Ausdrücke auch alle, und Taktik ist total wichtig. Aber wenn man wie ich früher im Ruhrgebiet Jugendliche trainiert, dann muss man auf den Punkt kommen. Und so sprechen, dass sie es sofort verstehen. Das habe ich dort gelernt. Meine Klientel ist die Mannschaft, nicht die Öffentlichkeit.

Ich möchte eine Sprache haben, die alle Menschen verstehen. Und deshalb verwende ich Ausdrücke wie „abkippende Sechs“ auch nicht. Man kann auch auf einfache Weise Taktik vermitteln.

Sie sind in Dortmund aufgewachsen. Inwiefern hat Sie der Ruhrpott geprägt?

Die Menschen haben eine sehr große Offenheit, man geht aufeinander zu, spricht miteinander. Das liegt mir auch. Ich versuche immer, Menschen mit viel Humor und mit einem Lachen zu begegnen. Und ich habe gelernt, dass die Arbeit im Vordergrund steht. Dass es ohne harte Arbeit nicht geht. Danach lebe ich auch.

Was ist Ihre Schwäche?

Wenn ich sie wüsste, hätte ich sie nicht. Natürlich ist das meine subjektive Wahrnehmung.

Und eine Macke?

Auch hier gilt: Wenn es eine Macke wäre, die ich persönlich als Schwäche wahrnehmen würde, hätte ich sie nicht.

Wie bilden Sie sich weiter?

Am liebsten über Gespräche. Ich war vor meiner HSV-Zeit zum Beispiel mit Liverpool im Trainingslager und habe mich dort mit Jürgen Klopp und vielen anderen Menschen ausgetauscht. Auch meine Aufgabe als TV-Experte bei der EM im vergangenen Jahr war eine Art Fortbildung, wenn man in einer Live-Sendung ein Spiel analysieren muss. Und ich lese auch schon mal ein Buch.

Was lesen Sie denn? Fußball-Bücher?

Nein. Gerne Bücher über andere Themen wie Persönlichkeitsentwicklung, Wahrnehmung, Psychologie, Management. Und auch über Lebensstile und Gesundheit. Mir ist es wichtig, dass Körper und Geist eine Einheit bilden.

So gesund lebt der HSV-Trainer

Leben Sie gesund?

Ja, würde ich schon sagen. Ich ernähre mich gesund, versuche so gut es geht, auf Zucker zu verzichten, weil er dem Körper mehr schadet, als man denkt. Und ich mache viel Sport. Was auch für meine Mitmenschen gut ist. Weil ich dann viel entspannter bin.

Während des Spiels scheint das aber nicht der Fall zu sein – so wild, wie Sie Kaugummi kauen.

Das stimmt. Dass ich nun immer einen Kaugummi im Mund habe, ist neu. Das habe ich vor meiner Zeit in Hamburg nie gemacht. Ich habe immer gesagt, dass es nicht schön aussieht, und habe deshalb darauf verzichtet. Mittlerweile ist es mir aber egal. Weil es hilft einfach dabei, die Anspannung zu verarbeiten.

Ist die Arbeit beim HSV so, wie Sie sich es vorgestellt haben?

So etwas kann man sich nicht vorstellen, weil dafür der Umgang mit Menschen viel zu komplex ist. Als Trainer muss man auf ganz viele Situationen spontan reagieren, das ist gar nicht planbar. Man kann sich nur überlegen: Wofür möchte ich stehen?

Wofür stehen Sie denn?

Für Verlässlichkeit. Für Arbeit. Dafür, einen hohen Anspruch zu haben und dafür auch einzustehen. Und immer das Ziel zu haben, erfolgreich zu sein und Spieler besser zu machen.

Das HSV-Juwel Fiete Arp

Wie etwa Fiete Arp? Der ja immer noch auf seinen Durchbruch wartet, nachdem er vor einem Jahr groß gefeiert wurde.

Zum Beispiel. Fiete ist zunächst einmal sehr fleißig, das ist gut und gefällt mir. Natürlich muss auch er noch viel dazulernen. Aber er wurde zuletzt gerade einmal 19 Jahre alt, ich sehe das deutlich entspannter als andere. Viele Spieler, die ich betreut habe, schafften den Durchbruch erst mit 20 Jahren oder noch später. Schauen Sie sich etwa Dortmunds Bruun Larsen an, den hatte kaum einer auf dem Schirm, als er noch 19 war.

Vor der Saison hatten Sie ein Angebot von Dortmund. Warum haben Sie es nicht angenommen?

Das stimmt. Ich sollte Co-Trainer von Lucien Favre werden. Ich habe mich ein paarmal mit den handelnden Personen getroffen, die mich ja noch sehr gut aus meiner Zeit als Jugend-Trainer dort kennen. Deshalb war es umso schöner, dass sie mich dabeihaben wollten. Aber den Schritt in die Rolle des zweiten Mannes wollte ich nicht machen. Damit hätte ich alles andere verhindert. Ich wollte erst einmal abwarten.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie nun mit dem HSV aufsteigen?

Die liegt sicherlich nicht bei 100 Prozent. Sondern weit darunter. Es gibt überhaupt keine Garantie,  dass wir aufsteigen, das muss sich bei uns einbrennen. Aber ich glaube, dass die Jungs wissen, wie schwierig es ist. Als HSV-Spieler ist es ja auch nicht so, dass einem seit Jahren alles zugeflogen ist. Jetzt spüre ich aber, dass eine besondere Reise vor uns liegt.

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