Kühne: "Beim Pokalsieg erlasse ich dem HSV 12,8 Mio."

Autor : Maximilian Wessing | 17.04.2019

SPORT BILD: Herr Kühne, sind Sie privat eigentlich ein sparsamer Mensch?

KLAUS-MICHAEL KÜHNE (81): Ja, ich bin sehr sparsam. Ich überlege mir bei jeder Ausgabe, ob sie wirklich notwendig ist. Bei Mitarbeitern hinterfrage ich etwa Dienstreisen, ob man gewisse Angelegenheiten nicht auch am Telefon hätte regeln können. Und am Flughafen kaufe ich mir keine Dinge, die ich später vor oder im Flieger kostenlos bekomme.

Beim Hamburger SV waren Sie weniger zurückhaltend, Sie haben etwa 100 Millionen Euro in den Verein gepumpt. Trotzdem schlägt Ihnen viel Kritik entgegen, Sie werden im HSV-Umfeld häufig als Geld-Esel tituliert. Tut Ihnen das überhaupt noch weh?

Mich stören alle Kommentare in dieser Hinsicht. Mir wäre es generell lieber, wenn ich mehr im Hintergrund bleiben könnte. Wenn es dann aber gehässig kommentiert wird, wie zum Beispiel: „Der soll jetzt mal wieder antreten“, dann ist das eine sehr unschöne Begleiterscheinung. Auf der anderen Seite läuft es jetzt schon sehr lange so, irgendwann wird man auch in der Hinsicht sehr abgebrüht. Ich habe dazugelernt, und einige Aussagen, die ich in der Vergangenheit getätigt habe, würde ich heute nicht mehr so klar ausdrücken.

Zum Beispiel?

Pierre-Michel Lasogga als „Flop des Jahrhunderts“ bezeichnet zu haben war zu deftig. Auch wenn es nicht unrichtig war. Meine Aussage kam aus der Frustration heraus, weil er damals ein Jahr lang gar nichts geleistet hatte.

Jetzt muss Lasogga den HSV zurück in die erste Liga schießen.

Ich betrachte ihn nach wie vor kritisch. Er ist kein Spitzenspieler, den ich mir in der Bundesliga vorstellen kann. Seine Schwächen sind ja auch allgemein bekannt: Er ist zu langsam, und fußballerisch ist er auch nicht der Stärkste. Aber er hat einen guten Torriecher, das ist zweifelsfrei so.

Die HSV-Fans fiebern dem Pokal-Halbfinale gegen RB Leipzig entgegen und träumen vom ersten Titel seit 1987. Wenn es tatsächlich so kommen sollte und der HSV dadurch in die Europa League einziehen würde, würden Sie durch eine Klausel 12,8 Millionen Euro Erfolgsprämien erhalten. Was würden Sie mit dem Geld machen?

Es würde mich sehr freuen, wenn ich endlich mal einen größeren Betrag zurückbekäme. Das war bislang nicht häufig der Fall.

Für den HSV käme das allerdings fast der Insolvenz gleich, weil so viele finanzielle Mittel gar nicht mehr vorhanden sind!

Daher würde ich das Geld auch reinvestieren in den HSV.

Sie würden dem Klub das Geld also erlassen?

Vermutlich schon – es würde dem Verein auf jeden Fall guttun.

Glauben Sie an den Pokalsieg?

Nein. Meiner Meinung nach ist das größte Problem derzeit das Spielermaterial. Viele Spieler sind einfach zu alt geworden und sind verletzungsanfällig, man hat die halbe Mannschaft mit durchgeschleppt, die nicht tauglich für die Bundesliga war. Es fehlen fünf bis sechs Leistungsträger.

Sie wurden bereits mit 29 Jahren Vorstandsboss bei Ihrem Unternehmen „Kühne+ Nagel“, mussten seit dem Tag immer Leistung bringen. Wie schwer war das in dem Alter?

Der Altersunterschied zu meinem Vater war sehr groß, deshalb musste ich schon in jungen Jahren in seine Fußstapfen treten und wurde mit 29 Jahren Vorstandsvorsitzender. Ich habe danach mit unserem Unternehmen weltweit expandiert, was auch von mancherlei Rückschlägen begleitet war. Häufig musste ich mich intern durchsetzen und meinen Vater überzeugen, den Weg der Expansion zu gehen. Aber ich bin ein Kämpfer, gebe nur sehr ungern auf, das war ausschlaggebend.

Wurden Sie stark von Ihrem Vater geprägt?

Ja. Mein Vater war ein harter Arbeiter, der seine Ziele mit großer Vehemenz verfolgte. Und er war sehr streng, hat mich immer sehr gefordert. Es war manchmal schon hart für mich, wenn ich meine Ideen durchbringen wollte. Mein Vater war immer sehr pessimistisch, in vielfacher Hinsicht. Er sah Risiken meistens stärker als ich, und häufiger hat er auch recht behalten. Am Ende habe ich aber sehr von ihm profitiert.

Stammt Ihre Leidenschaft zum HSV vom Vater?

Nein, der hatte mit Fußball nichts am Hut. Das Interesse lag aufseiten meiner Mutter. Wir haben in meiner Jugend viele Fußballspiele gemeinsam im Fernsehen verfolgt.

Bei Ihrem Verein stehen nun wegweisende Entscheidungen an. Etwa die, ob Sie Ihren Stadion-Vertrag verlängern. In den vergangenen vier Jahren zahlten Sie 16 Millionen Euro dafür, dass die Heimstätte Volksparkstadion hieß. Machen Sie weiter?

Es wird bis Ende der Saison Klarheit in der Sache geben. Der Verein muss planen können. Ob ich den Vertrag verlängere, ist noch offen, und die sportliche Situation gibt mir zu denken. Nach guten Phasen bin ich immer sehr motiviert und denke, dass meine Hilfe nützlich ist. Wenn ich dann Spiele sehe, in denen alles den Bach heruntergeht, frage ich mich: Was soll das Ganze eigentlich noch?!

Heißt: Bei Aufstieg verlängern Sie?

Ja, das will ich nicht ausschließen.

Und bei Nichtaufstieg?

Es geht dann um das sportliche Konzept. Einige der guten Spieler sind nur ausgeliehen, andere sind zu alt. Wenn man mit den Nicht-Leistungsträgern, die in den vergangenen Wochen überwogen, weitermacht und keine guten Ergänzungen holt, ist die Situation fast hoffnungslos.

Sie deuteten zuletzt schon einmal an, dass Sie die Laufzeit diesmal kürzer halten wollen: ein oder zwei Jahre.

Das ist mein Wunsch. Weil die Aussichten beim HSV derzeit eher unsicher sind, möchte ich mich lieber für einen kürzeren Zeitraum binden als zuletzt zum Beispiel über vier Jahre.

Welchen Betrag würden Sie zahlen?

Drei bis vier Millionen Euro pro Jahr würde ich schon geben, das ist einfach das Preisticket für einen solchen Stadionnamen.

Wären Sie auch bereit, noch einmal in neue Spieler zu investieren?

Da müsste schon alles zusammenpassen. Ich habe aus meinem Investment in Rafael van der Vaart gelernt. Damals dachte ich, dass er den HSV weiter nach oben führen kann, und nach einigen Wochen ging es bei ihm schon bergab. Vor allem würde ich heute eine solche Finanzierung deutlich kritischer prüfen als in den vergangenen Jahren. Da habe ich mich zu schnell begeistern lassen.

Wie meinen Sie das?

Mir wurden etliche Konzepte vorgelegt, von immer wechselnden Verantwortlichen. Es gab dann kurzfristig Hoffnung. Aber dann wurden Spieler geholt, die auf dem Markt übriggeblieben waren.

Wenn Spieler zum HSV kommen, ist es häufig der gleiche Verlauf: Am Anfang strengen sie sich an, und dann ist es wieder vorbei.

Einer von ihnen kommt nach dieser Saison zurück zum HSV und verdient in der Bundesliga 3,5 Millionen Euro: Bobby Wood.

Bobby Wood wollte man damals unbedingt halten, und man hat an ihn geglaubt. Ich ehrlich gesagt auch. Dann hat man tief in die Tasche gegriffen, leider ging das, wie fast immer beim HSV, schief. Auch Bobby Wood hat dann versagt. Leider war beim HSV nie ein Manager da, der das Talent hatte, mit solchen Dingen erfolgreich umzugehen.

Haben die aktuellen Bosse Bernd Hoffmann und Ralf Becker diese Begabung?

Das muss erst bewiesen werden. Ich glaube aber, dass es im Moment keinesfalls die falschen Leute sind. Sie sind mit sehr viel Ernst und Einsatz bei der Sache. Aber natürlich mussten auch sie in dieser Saison schon sportliche Rückschläge hinnehmen. Das ist beim HSV einfach ein Phänomen, wie ein Naturereignis.

Was erwarten Sie konkret von Becker und Hoffmann?

Dass man mir einen konkreten Plan vorlegt. Wenn man mich motivieren möchte, melden sich die Verantwortlichen aus Hamburg immer, und dann höre ich erst einmal gar nichts mehr. Man muss auf mich zukommen. Ich werde keine Vorschläge machen – das ist Sache der Verantwortlichen.

Wie würden Sie sich selbst charakterisieren ?

Ich bin Perfektionist, schalte mich in viele Vorgänge ein. Das betrifft meine Kühne Holding AG und vor allem meine Kühne-Stiftung, mit der wir sehr viele Projekte unterstützen. Ich will gestalten, mitbestimmen und immer alles unter Kontrolle halten. Deshalb lasse ich nicht locker. Trotz meines Alters ist es immer noch ein Fulltime-Job. Aber das stört mich nicht, es macht mir Spaß.

Beneiden Sie manchmal Vereine wie Borussia Dortmund, die sich über Jahre den Erfolg aufgebaut haben?

Natürlich fragt man sich: Warum gibt es solche Erfolgsstorys – und warum ist der HSV Lichtjahre davon entfernt?

Obwohl man eine sehr bedeutende Stadt hinter sich hat. Es lag in den vergangenen Jahren einfach an den handelnden Personen. Ich will gar nicht auf einzelne Manager eingehen, denn es ist eine Kette. Das Pech klebt dem HSV an den Hacken, was das betrifft. Ich habe einfach Sehnsucht nach einer guten Mannschaft. Vielleicht gelingt es Ralf Becker ja, Spieler zu holen, die sich beim HSV entwickeln können. Das war in den vergangenen Jahren ja sehr, sehr selten der Fall.

Sollte der HSV den Aufstieg schaffen, Herr Kühne: Würden Sie zu einer möglichen Aufstiegsfeier kommen?

Auch hier gilt: Das will ich nicht ausschließen.

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