Markus Gisdol: Wir müssen den HSV entstauben
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Markus Gisdol: Wir müssen den HSV entstauben Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Markus Gisdol: Wir müssen den HSV entstauben

Seit Jahren taumelt der Dino am Abgrund

Der HSV ist wie ein altes, wertvolles Möbelstück. Dieses Bild hat Markus Gisdol (47), der Trainer der Hamburger vor Augen, wenn er über den Zustand des Traditionsvereins spricht. In den vergangenen Jahren wurde die Rarität allerdings kaum gepflegt.

Die Hanseaten sind seit 2010 abgestürzt aus dem Halbfinale der Europa League und der Bundesliga-Spitze in den Abstiegskampf. Zittern ist Alltag, leere Kassen und Schulden gehören zum Tagesgeschäft. Eine Mischung aus Mitleid und Schadenfreude muss der Klub bei jedem Fehltritt über sich ergehen lassen. Und die Meinung der Fans der anderen Vereine ist eh klar: Sollen sie halt mal absteigen.

Gisdol will raus aus diesem Kreislauf, zurück zu altem Glanz. „Wir alle zusammen müssen den HSV entstauben“, sagt er im Gespräch mit SPORT BILD.

Die Staubschicht, die Gisdol meint, lähmt den Verein. Aufbruchstimmung: gibt es nicht. Der Glaube an den Neuanfang: gering. Es dümpelt alles so vor sich hin. Viele der 250 Mitarbeiter haben aufgehört zu hoffen. Mit jedem Abstiegskampf ist ein Stück Antriebskraft verloren gegangen. Viele Anhänger freuen sich über die Siege und warten zugleich auf den nächsten Rückschlag.

Bestes Beispiel sind Reaktionen auf den Start von Neu-Torwart Julian Pollersbeck (22) in den sozialen Netzwerken. In seinem zweiten Testspiel leistete sich der U-21-Europameister seinen zweiten dicken Bock. Kommentar auf Twitter: „Ein HSV tut, was ein HSV tun muss.“

Gisdol versucht gegenzusteuern. Auf dem Platz mit klaren Ansagen. Im Umgang mit Fingerspitzengefühl. So gab er der Mannschaft Mitte des Trainingslagers einen ganzen Tag frei. Die Spieler nutzten das zum nächtlichen Ausflug am Abend zuvor. Mit dem Mannschaftsbus ging es Mittwoch vergangener Woche von Längenfeld im Ötztal in die zehn Kilometer entfernte Ski- und Party-Hochburg Sölden. Dort hatten die Profis die im Winter schwer angesagte Bar „Bierhimmel“ reserviert. Teamabend ohne Trainer, ohne Betreuer. Kopf freikriegen. Zusammen Spaß haben. Den Trainer wird es gefreut haben.

Denn das Gefühl, dass Pannen dazugehören und der Existenzkampf normal ist, geht bis in die Kabine. Spieler wie Lewis Holtby, der 2014 kam, und Pierre-Michel Lasogga, seit 2013 beim HSV, verkörpern Relegation und Abstiegsangst. Sie sind die Gesichter des Niedergangs. Intern vielleicht noch mehr als nach außen. Das ist neben sportlichen Argumenten ein Grund, warum der Verein die beiden Großverdiener mit einem Grundgehalt von rund 3,4 Millionen Euro pro Jahr so gerne abgeben würde.

Dass mit zwei, drei neuen Spielern nun alles besser wird oder die Rückrunde mit 25 Punkten zu wiederholen ist, scheint nur schwer vorstellbar. Klubchef Heribert Bruchhagen spricht von der nächsten „schweren Saison“. Manager Jens Todt wünscht sich ein „ruhiges Jahr“.

Beide setzen dabei auf Gisdol. Nur wenn es auf dem Platz läuft, trotz mäßiger Qualität, lässt der HSV sich beruhigen. Gisdol weiß das genauso wie seine namhaften Vorgänger Labbadia, Slomka, van Marwijk und Veh, die alle vom Dino gefressen wurden.

„Wir als Mannschaft müssen dafür sorgen, dass die Zuschauer wieder mit Freude zu uns ins Stadion kommen und nicht mit der Sorge, dass der HSV absteigt“, sagt der Trainer. Mittelmaß würde zum Übergang schon Freude auslösen.

Gisdol versucht, den HSV sportlich aufzupolieren. Eine Runderneuerung ist wegen der finanziell dauerhaft angespannten Lage und trotz Investor Kühne aber nicht drin. Frischer Offensiv-Fußball soll die Wende bringen. Pressing, Flügelspiel, Tempofußball. Im Training wird dann deutlich, dass die Idee bisher besser ist als die Qualität der Spieler. Da prallen selbst Spielern wie Aaron Hunt (30), der für eine feine Technik steht, die Bälle meterweit weg. Beim Einstudieren von Standard-Situationen mit Torabschluss fallen in über einer Stunde nur zwei Tore. Zwei. Bei geschätzt 75 Versuchen.

Das ist der Ist-Zustand der Mannschaft eines Vereins, der sich mit dem Abstiegskampf arrangiert hat. Um den Glanz wieder sichtbar zu machen, müssen ganz viele Menschen im Klub bereit sein, die Lappen in die Hand zu nehmen und zu putzen. Viele Chancen bekommt der HSV nicht mehr. Womöglich ist es sogar in diesem Jahr die letzte, weil die Liga durch die starken Aufsteiger Hannover und Stuttgart gerade in der zweiten Tabellenhälfte so ausgeglichen sein wird wie seit Jahren nicht.

Für Hamburg bedeutet das möglicherweise: Entstauben – oder entsorgt werden.