Christian Mathenia
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Mathenia: „Man kann glauben, dass wir nur im Keller funktionieren“

Der HSV-Torwart über Druck in der Krise

Sport Bild: Herr Mathenia, nach der vierten Pleite in Folge, dem 0:3 in Leverkusen, sprachen Sie als erster HSV-Spieler von einer „Krise“. Wie wichtig sind Ihnen klare Worte?

Christian Mathenia (25): Wir betreiben Ergebnissport. Wir müssen ehrlich mit jeder Situation umgehen, ob obenauf oder untendrin. Nicht nur öffentlich, sondern auch intern.

Sind Sie in der Kabine genauso direkt?

Natürlich sprechen wir untereinander Klartext. Wir dürfen uns nicht in die Tasche lügen. Der offene Umgang miteinander hat uns vergangene Saison schon geholfen, den Klassenerhalt zu schaffen. Das ist der richtige Weg. Aber man kann nicht zehn Minuten nach Spielende ein Donnerwetter in der Kabine loslassen.

Wie ist Ihre Rolle innerhalb der Mannschaft?

Als Torwart habe ich eine besondere Rolle. Torhüter wollen immer vorweggehen. Das ist auch bei mir so. Ich denke, dass mein Wort in der Kabine Gewicht hat, obwohl ich mit 25 Jahren nicht zu den älteren Spielern zähle. Gerade in der aktuellen Phase, wo wir keine Siege einfahren, muss jeder die Initiative ergreifen und seine Meinung sagen.

Fehlen dem HSV mehr Führungsspieler?

Nein, in der Kabine sitzen viele Führungsspieler. Bei uns sind das zum Beispiel Leute wie Papadopoulos und Ekdal, die große Erfahrung haben. Ich bin da eher ein Frischling in der Liga. Es ist meine dritte Saison. Trotzdem zähle ich mich, eben auch aufgrund meiner Position, dazu.

In schwierigen Phasen fällt auf, dass sich immer die gleichen Spieler in der Öffentlichkeit stellen.

Jeder geht mit Niederlagen anders um. Die einen sind lockerer und können gut erklären, was los ist. Andere wollen sich lieber etwas zurückziehen. Das muss man respektieren. Wir haben vor der Saison in der Mannschaft besprochen, dass jeder den anderen so respektiert, wie er ist.

Was genau wurde vereinbart?

Jede Mannschaft gibt vor der Saison die Verhaltensregeln für die Gruppe vor. Das ist wichtig, weil es nur als Team funktioniert. Ein Punkt bei uns ist, dass man andere Charaktere akzeptiert.

Können Sie die aktuelle Situation mit Platz 16 akzeptieren?

Das ist schon verrückt. Wir haben sieben Punkte wie der Tabellen-Zwölfte, stehen aber auf Platz 16. Das zeigt, wie eng es ist. Das 0:0 im Derby gegen Bremen habe ich als Fortschritt gesehen. Ich denke, dass wir den Schwung mitnehmen können nach Mainz und dort punkten. Aber egal, wie es ausgeht, ist nach dem Spiel in Mainz nichts verloren. Deshalb sollten wir alle Ruhe bewahren.

Ist der HSV ein Verein, der nur unter Druck bestehen kann?

Sie werden lachen. Ich habe vor Kurzem mit einem Fan in der Stadt gesprochen. Der sagte mir: „Jetzt steht ihr mit dem Rücken zur Wand, deshalb holt ihr auch wieder die Punkte.“ Ich kann das Phänomen nicht erklären.

Noch einmal konkret: Funktioniert der HSV nur im Keller?

Krasse Frage! Aber wenn man unser letztes Jahr sieht, kann man glauben, dass wir nur im Keller funktionieren. Ich wünsche es mir natürlich anders. Wir alle wollen konstant punkten und eine ruhige Saison spielen.

Der HSV hat seit 7,5 Stunden kein Tor erzielt.

Wir müssen in Mainz die Bälle reindrücken, die wir im Derby noch um einen halben Meter vergeben haben.

Wie wirkt sich die Flaute innerhalb der Mannschaft aus?

Ich habe auch schon schlechte Spiele gemacht. Da muss jeder Spieler durch. Die Jungs vorne machen sich jetzt nicht verrückt. Wir alle wissen, dass jeder in der Mannschaft die Qualität für die Bundesliga hat.

Wie geht die Mannschaft mit der ständigen Unruhe rund um den HSV um? Mal geht es um Kühne, mal um den Aufsichtsrat, mal um falsche Kaderplanung.

Ganz ehrlich: Das interessiert uns in der Kabine nicht.

Im Ernst?

Dennis Diekmeier sagte mir an meinem ersten Tag hier: „Du wirst hier Dinge erleben, die es in keinem anderen Verein gibt.“ In der Kabine berührt uns das aber wie gesagt nicht. Eine Sache ist dabei ganz wichtig.

Welche?

Wir Spieler wissen schon, dass wir die Hauptakteure sind. Wenn wir unsere Leistung bringen und gewinnen, gibt es auch weniger Nebengeräusche.

Wie gehen Sie damit um, wenn Fans anderer Klubs sagen, der HSV müsse mal absteigen?

Ich habe da schon viele Sachen gehört. Mich persönlich stachelt das nur an. Dann denke ich: Denen zeigen wir es!

Hat Sie dieser Ehrgeiz zur Nummer 1 gemacht?

Ich setze mir immer Etappenziele. Als ich 2016 gekommen bin, war klar, dass René Adler einen Vorsprung hat. Da war es mein Ziel, überhaupt in der Bundesliga mal für den HSV zu spielen und in der Folge auch die Nummer 1 zu werden. Es macht mich stolz, dass ich das geschafft habe. Damit hat die Reise aber erst angefangen. Mit Polle habe ich einen guten Konkurrenten im Nacken hängen.

Wie verstehen Sie sich denn mit Julian Pollersbeck?

Wir sind Konkurrenten. Es gibt nur einen Platz im Tor. Jeder will dem Trainer jeden Tag zeigen, dass er der Richtige ist. Polle ist ein guter Typ, unser Kampf pusht uns beide.

Wie sind Sie damit umgegangen, dass der HSV den U-21-Europameister geholt hat?

Natürlich habe ich verfolgt, wer kommen soll. Da habe ich bei der EM schon die Spiele genau beobachtet. Aber ich hatte keine Angst. Ich bin 2015 mit Darmstadt in die Bundesliga aufgestiegen, habe 2016 mit dem Klub den Klassenerhalt geschafft, obwohl uns jeder abgeschrieben hatte. Das gibt einem Selbstvertrauen.