Mavraj: „Rettung mit dem HSV ist schöner als Europa mit Köln“
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Mavraj: „Rettung mit dem HSV ist schöner als Europa mit Köln“ Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Mavraj: „Rettung mit dem HSV ist schöner als Europa mit Köln“

Der Neuzugang über die Bedeutung des HSV

SPORT BILD: Herr Mavraj, während der Vorbereitung war das große Thema beim HSV, dass die Abwehr nicht breit genug aufgestellt sei. Wie sehen Sie das als Abwehrchef?

Mergim Mavraj (31): Das Abwehr-Konstrukt bei uns passt. Entscheidend wird sein, wie gut wir die Vorgabe umsetzen.

Wie meinen Sie das?

Das Tor zu schützen ist bei uns sehr aufwendig. Unser Spiel ist lauf- und sprintintensiv, weil wir hoch verteidigen. Wenn ich das mit Köln vergleiche, wo ich bis Dezember gespielt habe, ist das ein riesiger Unterschied. Beim FC haben wir abgewartet und auf Fehler des Gegners gelauert. Beim HSV provozieren wir die Fehler der Gegenspieler, gehen intensiver drauf. Den Gegner ständig unter Stress zu setzen ist anstrengend.

2014 waren Sie nach dem Kölner Aufstieg in die Bundesliga zum FC gegangen und haben etwas mit aufgebaut. Ist das auch beim HSV möglich?

Hier sind jetzt Personen in den entscheidenden Positionen, die Ruhe ausstrahlen. Heribert Bruchhagen als Vorstandschef, Markus Gisdol, der als Trainer bis 2019 verlängert hat. Das steht dafür, dass man sich Zeit gibt. In Köln ist der Erfolg auch nicht über Nacht entstanden. Es hat drei Jahre gedauert, bis man die Europa League erreicht hatte. Diese Zeit braucht Hamburg auch. Wenn man sie uns gibt, ist ein ähnlicher Weg möglich.

In Köln konnten Sie ausgelassen Karneval feiern, in Hamburg die Rettung. Was ist schöner?

Ich habe in Köln nie Karneval gefeiert. Ich trinke keinen Alkohol, bin eigentlich nie auf Feten. Deshalb kann ich das nicht vergleichen. Was ich aber vergleichen kann: Es ist schöner, mit dem HSV die Rettung zu feiern als mit Köln den Einzug in den Europacup.

Warum?

Weil es viel intensiver ist, etwas gerettet zu haben, als etwas zu unterstützen, was es eh schon gut läuft.

Was wäre jetzt eine gute Saison mit Hamburg?

Gut wäre, wenn wir dafür sorgen könnten, dass die Fans weniger Herzrasen haben. Wir sind dafür verantwortlich, dass es den Fans wieder leichtfällt, sich mit dem HSV zu identifizieren. Man merkt hier sehr schnell, welche Bedeutung der Verein hat und was alles dranhängt.

Ist das extremer als in anderen Städten?

Der HSV hat eine sehr große Ausstrahlung. Wahrscheinlich sogar noch größer als zum Beispiel die des 1. FC Köln. Die enorme Kraft des HSV habe ich hier vom ersten Tag an gespürt.

Hat Sie die Wucht überrascht?

Der sportlichen Lage war ich mir bewusst, als ich im Januar gekommen bin. Die Emotionalität habe ich in meiner ersten Interview-Runde in Hamburg als sehr extrem wahrgenommen. Da kamen Fragen wie: „Weißt du eigentlich, auf was du dich hier einlässt?“ Dann haben wir noch die ersten beiden Spiele nach der Winterpause verloren. Ich habe zu der Zeit noch im Hotel gewohnt und musste mir jeden Morgen anhören, wie schlecht wir doch sind. Ich habe mir dann gedacht: Du hast ein sinkendes Schiff betreten, jetzt musst du den Kopf über Wasser halten. Das haben wir geschafft. Aber wir dürfen diese Einflüsse und Erwartungen auch nicht an uns heranlassen.

Lässt sich das verdrängen?

Erfolgreich wird eine Mannschaft, wenn sie es schafft, diese Einflüsse von der Kabine fernzuhalten. Es hilft nicht zu lesen, was die SPORT BILD erwartet. Oder was sich die Fans wünschen, was der Sponsor fordert. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto schwerer wird es, sein Ziel zu erreichen.

Wie wirken Sie als erfahrener Profi darauf ein?

Manche Spieler denken, sie seien Führungsspieler, weil sie viel schreien und sich in den Mittelpunkt stellen. Ich sage: Das ist kontraproduktiv. Damit bringt man keine Ruhe rein, sondern sorgt für Hektik. Ich versuche, besonnen auf meine Mitspieler einzuwirken. Ich denke, dass das sowohl auf dem Platz als auch neben dem Platz beruhigend wirkt.

Führen Sie bewusst Vieraugengespräche mit den Kollegen?

Ja. Ich versuche, auf den Charakter Einzelner einzugehen. Bei uns benötigt es manch ein Spieler vielleicht eher, dass man ihm gut zuredet. Einem starken Charakter wie Papadopoulos hilft hingegen eine Ohrfeige. Ich sehe es als meine Aufgabe an, darauf einzugehen.

Was steckt dahinter?

Das hat sich in meiner Karriere so entwickelt. Der Fußball ist eine Ellenbogen-Gesellschaft. Es mag auch sein, dass diejenigen hinten runterfallen, die da nicht mitmachen. Aber man kann es den Menschen einfacher machen, wenn man sich auf sie einlässt. Ich weiß das sehr gut. Als ich ein junger Spieler war, gab es noch die Hau-drauf-Mentalität in der Kabine. Mir hat das nicht gefallen. Deshalb mache ich es anders.