HSV auf dem Weg zum Chaos-Klub a.D.

Autor : Maximilian Wessing | 06.11.2019

Keine Gaga-Verträge mehr, Charakter-Prüfung bei Zugängen, Schokolade für Sekretärinnen. Beim HSV brechen neue Zeiten an:

Witze über den Ham­bur­ger SV sind in der Fuß­ball-Szene noch immer be­liebt. „Was bei uns zwei Mit­ar­bei­ter ma­chen, macht beim HSV ein Groß­raum-Bü­ro“, er­zählt man sich in der Liga hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand. Aber: Die An­griffs­flä­che, die der lang­jäh­rige Chaos-Klub lie­fert, wird zur­zeit immer klei­ner. Sportlich ist der HSV trotz des mick­ri­gen 1:1 (0:0) bei Wehen Wies­ba­den auf dem bes­ten Weg zu­rück in die Bun­des­li­ga. Hinzu kommt, dass mit Pro­ble­men nun deut­lich sach­li­cher um­ge­gan­gen wird.

„In den ver­gan­ge­nen Jah­ren gab es viele Un­ru­hen. Doch trotz der sport­lich dra­ma­tisch schlech­ten Rück­runde der ver­gan­ge­nen Sai­son ist hier kein Chaos aus­ge­bro­chen, wir haben die Ner­ven be­hal­ten. Der Ver­ein hat es ge­schafft, sich zu sta­bi­li­sie­ren“, sagt Prä­si­dent Mar­cell Jan­sen (34).

Der HSV auf dem Weg zum Chaos-Klub a. D.?

 

In der Mann­schaft scheint die Zeit der Stinks­tie­fel vor­bei zu sein. Spie­ler, die sich wei­gern, auf der Bank zu sit­zen, gibt es der­zeit nicht. Der HSV ach­tete bei den zwölf Zu­gän­gen genau auf deren Cha­rak­ter, guckte beim Scou­ting auch dar­auf, ob der Spie­ler sei­nem Kol­le­gen nach einem Foul wie­der auf die Beine hilft. Das Trai­ner-Team um Die­ter Hecking (55) lebt diese Ge­mein­schaft vor. Mit­tags etwa gehen er und seine As­sis­ten­ten ge­mein­sam in die Mensa des Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trums und ste­hen dort auch für Ge­sprä­che zur Ver­fü­gung. Co-Trai­ner Dirk Brem­ser (54) ver­teilt gern mal Scho­ko­lade an die Se­kre­tä­rin­nen als kleine Wert­schät­zung.

Wir haben die Ner­ven be­hal­ten. Der Ver­ein hat es ge­schafft, sich zu sta­bi­li­sie­ren

Im Vor­stand hat man sich schon vor mehr als einem Jahr dar­auf ver­stän­digt, dass die Gaga-Ver­träge der Spie­ler ein Ende haben müs­sen. Dies wurde in der ver­gan­ge­nen Trans­fer­pe­ri­ode wei­ter­hin kon­se­quent um­ge­setzt. Die neuen Spie­ler kas­sie­ren beim HSV nun zwi­schen 40 000 und 50 000 Euro pro Mo­nat, Sonny Kit­tel (26) und Lukas Hin­ter­seer (28) lie­gen etwas dar­über. Vor allem lässt sich der Ta­bel­len­füh­rer der 2. Liga auf keine un­ge­wöhn­li­chen Klau­seln mehr ein. Stür­mer Pi­erre-Mi­chel La­sogga (27/jetzt in Ka­tar) etwa hatte die Ver­ein­ba­rung im Ver­trag no­tiert, dass eine Mil­lion Euro sei­nes Ge­halts schon am Jah­res­an­fang auf einen Schlag ge­zahlt wer­den muss. Damit er im Fall einer lang­wie­ri­gen Ver­let­zung we­ni­ger Ge­halt­sein­bu­ßen hat. Als die La­sogga-Seite dann for­der­te, dass dem Stür­mer zu­sätz­lich zum Grund­ge­halt (3,4 Mio. Euro) auch in der 2. Liga eine Tor-Prä­mie zu­stün­de, ver­wei­gerte der HSV diese Zah­lung. La­sogga ver­zich­tete auf eine Kla­ge.

Die Ein­spa­run­gen be­tref­fen aber nicht nur die Spie­ler, son­dern gehen bis ins kleinste De­tail. Bei­spiel: Der Rei­ni­gungs­dienst in der Ge­schäfts­stelle kommt nur noch jeden zwei­ten Tag, nicht mehr wie jah­re­lang zuvor täg­lich.

Klar ist, dass wir nach­hal­tig ar­bei­ten wol­len. Der­zeit ist es total po­si­tiv, was der Vor­stand leis­tet.

Der Auf­sichts­rat der aus­ge­glie­der­ten Fuß­ball-AG trifft sich pro Jahr nur noch vi­er­statt zuvor zehn­mal. Haupt­grund ist, dass der Ver­ein An­teils­eig­ner Klaus-Mi­chael Kühne (82) di­verse Ver­gü­tungs­klau­seln (z. B. Be­tei­li­gun­gen bei Trans­fer-Ein­nah­men) ab­kau­fen konnte und diese kom­ple­xen The­men nicht mehr zu klä­ren sind.

Das wich­tigste The­ma, das der Auf­sichts­rat lang­fris­tig zu klä­ren hat, ist die Be­set­zung des Vor­stands. Der Ver­trag des Vor­sit­zen­den Bernd Hoff­mann läuft bis 2021. Auf des­sen Zu­kunft an­ge­spro­chen, sagt Jan­sen, der Mit­glied des Rates ist: „Klar ist, dass wir nach­hal­tig ar­bei­ten wol­len. Der­zeit ist es total po­si­tiv, was der Vor­stand leis­tet. Wir wer­den im Som­mer aber na­tür­lich Bi­lanz zie­hen, da steht dann der sport­li­che Er­folg im Vor­der­grund. Bis Ende Mai muss alles sit­zen bei uns.“

Heißt: Die Vor­stän­de, zu denen auch Jonas Boldt (37/e­ben­falls Ver­trag bis 2021) ge­hört, wer­den vor allem am sport­li­chen Er­folg ge­mes­sen. Und das heißt auch: Um zum Chaos-Klub a.D. zu wer­den, ist der Auf­stieg jetzt Pflicht.

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