Verehrt & verspottet - Das bringt wirklich nur der HSV
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Verehrt & verspottet - Das bringt wirklich nur der HSV Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Verehrt & verspottet - Das bringt wirklich nur der HSV

Die Fans rennen ihrem Verein die Bude ein

Im Verein ist es längst zu einem gängigen Witz geworden. „Eigentlich müsste man hierüber mal ein Buch schreiben. Das wäre ein großer Erfolg“, wird auf den Fluren der Geschäftsstelle immer wieder gesagt. Galgenhumor. Man hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass beim HSV Unruhe und Unordnung chronisch sind. Auch nach dem Abstieg beweist der Verein mehr denn je, dass er ganz eigene Gesetzmäßigkeiten hat.

In dieser Saison ging es besonders frühzeitig los mit den Pannen. Das erste der beiden Trainingslager in Glücksburg musste nach einem Tag abgebrochen werden, weil der Rasen vor Ort zu schlecht war. Drei Mitarbeiter hatten sich zuvor um die Planungen gekümmert. Derjenige, der im Vorfeld für die Qualität des Grüns verantwortlich war, machte plötzlich Urlaub. Der HSV war mal wieder die Lachnummer.

Sport-Vorstand Ralf Becker (47), der vor der Saison von Holstein Kiel kam, sagt: „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Der eine oder andere wartet im Grunde darauf, dass bei uns etwas schiefläuft. Das ist wegen der Vergangenheit vielleicht auch verständlich.“ Was er meint: In den vergangenen elf Jahren gab es 18 Trainer-Wechsel, dazu sechs gefeuerte Sportchefs seit 2011.

Vorstandsboss Bernd Hoffmann (55) sagt: „Wir versuchen, aus dem HSV einen normalen Verein zu machen.“ Das sei herausfordernd und mache Spaß, aber: „Das ist in diesem Umfeld eine Mammut-Aufgabe.“ Zu diesem Umfeld gehört auch, dass unter dem Namen Hoffmanns bei Facebook in den vergangenen Tagen ein sehr real aussehender Fake-Account angelegt wurde, mit dem Fans anderer Vereine beleidigt wurden. Hoffmann musste bei Facebook beantragen, dass das Profil gelöscht wird. Der HSV zieht  Probleme an wie ein Magnet. 

Vor dem Zweitliga-Start sprachen Spieler wie Lewis Holtby davon, wie „geil“ es sei, für den HSV zu spielen. Die Euphorie stieg und stieg und stieg. Dummerweise war die Sommerpause irgendwann vorbei und es gab im ausverkauften Volkspark ein 0:3 gegen Holstein Kiel.Zwar flüchteten die Fans zum Auftakt aus dem Stadion. Aber – und das ist das Phänomen HSV: Die Spieler können seit Jahren den größten Mist abliefern, die Fans verzeihen immer wieder. Und nehmen ohne Murren Wucherpreise in Kauf. Für das Derby gegen St. Pauli am 30. September erhöhte der HSV die Ticketpreise auf bis zu 85 Euro. In der vergangenen Saison kosteten Karten für das Bayern-Spiel gerade einmal elf Euro mehr. Das Derby war schon am ersten Verkaufstag ausverkauft.

Boss Hoffmann sagt: „Die Beziehung zwischen dem HSV und seinen Anhängern scheint manchmal wie der WhatsApp-Verlauf zweier Liebender: Zwischen Blockieren und größter Liebeserklärung liegen manchmal nur fünf oder in unserem Fall gerade mal 90 Minuten.“Nach dem 0:3 gegen Kiel wurden im Hauruckverfahren zwei neue Spieler geholt: Leo Lacroix (26) vom FC Basel und Orel Mangala (20) aus Stuttgart.

Als SPORT BILD den Investor Klaus-Michael Kühne (81), der 20,57 Prozent Anteile hält, nach der Kiel-Pleite kontaktierte, sagte dieser: „Das wilde Treiben geht weiter. Statt die Finanzlage durch eine kräftige Kapitalerhöhung zu stabilisieren, lebt man weiterhin von der Hand in den Mund und hat so gut wie keine Spieler, die die Mannschaft stabilisieren und weiterbringen können.“

Kühne selbst würde seine Anteile gerne aufstocken, wäre bereit, dafür 15 Mio. Euro zu zahlen. Haken: Die aktuelle Satzung erlaubt keine Erhöhung. Und daran will der Verein nicht rütteln. Kühne: „Man meint, mit der derzeitigen B-Variante ans Ziel zu kommen. Das kann kaum gut gehen.“

Seit Jahren kauften die Hamburger mit seiner Hilfe Spieler, schlossen Verträge mit horrenden Summen ab – die sie nun nicht mehr zahlen können. Hinzu kommt, dass sich Kühne Transferrechte an einigen Spielern zusichern ließ, die er bezahlte. Er hat bei einem Verkauf Anspruch auf einen Teil der Ablösesumme, etwa bei Luca Waldschmidt (22), der zuletzt für fünf Mio. Euro zu Freiburg wechselte. Problem: Die Verantwortlichen wissen nicht, ob Kühne diesen Anspruch geltend macht. Die erste Rate vom SC Freiburg ist auf dem HSV-Konto. Doch ob das Geld dort bleiben darf, ist offen. 

Der HSV bleibt ein Klub der Widersprüche. Als Ralf Becker vor Saisonbeginn als neuer Sportvorstand vorgestellt wurde, sagte er: „Wir sollten demütig, bescheiden und fleißig sein.“ Aber der HSV geht offensichtlich schon fest davon aus, dass es am Saisonende was zu feiern gibt. Für das letzte Saisonspiel gegen Duisburg hat der HSV bereits die Preise für die Logen-Plätze bestimmt. Während ein Platz in einer Zwölf-Personen-Loge pro Heimspiel sonst 396,66 Euro kostet, nimmt der Bundesliga-Absteiger für die Partie am 34. Spieltag 446,25 Euro.

Wie SPORT BILD bereits in der vergangenen Woche berichtete, spart der HSV nun bei den Servietten im VIP-Bereich. Diese werden jetzt deutlich schlichter gefaltet, was Personalkosten einspart – rund 5500 Euro in dieser Saison. Eine Summe, die Stürmer Pierre-Michel Lasogga (26) mit einem Jahresgehalt von 3,4 Millionen Euro innerhalb von 14 Stunden verdient.

Der HSV wollte ihn vor der Saison von der Gehaltsliste haben, was dem Verein allerdings etwa zwei Mio. Euro Abfindung gekostet hätte. Die nächste Idee war, den Kontrakt mit Lasogga zu verlängern, um den Krösus-Vertrag umschreiben zu können. Abgelehnt! So muss der HSV an Lasogga weiterhin monatlich 283 000 Euro überweisen.

Erst in Sandhausen stand Lasogga in der Startelf. Zwar wartet er weiterhin auf seinen ersten HSV-Treffer in der 2. Liga, doch immerhin gelang mit dem 3:0 der erste Sieg! 3400 mitgereiste HSV-Fans feierten die Sieger! So, wie die Fans vor Kurzem noch Fiete Arp (18) als neuen Hoffnugsträger gefeiert hatten.

Doch der durfte zuletzt nur in der Regionalliga für die U-21-Mannschaft ran. Und auch Manuel Wintzheimer (19), der vom FC Bayern kam, spielt keine Rolle. Dabei hatte Trainer Titz vor der Saison noch geschwärmt: „Wir haben im Sturm die besten Top-Talente in ihren Jahrgängen bei uns.“ Davon ist derzeit nichts zu spüren.

Gut möglich, dass sie sich am Wochenende im Pokal bei Oberligist Erndtebrück beweisen dürfen. 4100 Fans werden dann mit dabei sein. 

Dieser HSV ist wirklich ein Phänomen ...