Warum werfen Sie so oft zum Gegner, Herr Diekmeier?
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Warum werfen Sie so oft zum Gegner, Herr Diekmeier? Quelle: Getty Images / All rights reserved.

Warum werfen Sie so oft zum Gegner, Herr Diekmeier?

Der Verteidiger ist der größte "Fehleinwerfer" der Liga

Sport Bild: Herr Diekmeier, wir würden gern über eine ungewöhnliche Statistik mit Ihnen sprechen: Wissen Sie, welcher Spieler in der Hinrunde seinen Einwurf am häufigsten zum Gegner geworfen hat?

Dennis Diekmeier (28): Nein.

Sie.

Das wusste ich nicht, stört mich aber auch nicht.

Woran liegt es denn?

Daran, dass ich viele Einwürfe vorne weit in den Strafraum werfe. Da muss ich hohes Risiko gehen, meine Anspielstation steht meist in Unterzahl gegen die Verteidiger. Entweder der Ball wird verlängert, oder der Gegner ist dran. Ich probiere nicht, nur kurz zu werfen, und gehe dabei einfach nicht auf Sicherheit.

Ihr Verein ist voraussichtlich noch lange nicht in Sicherheit. Der HSV startet mit nur 15 Punkten als Vorletzter in die Rückrunde. Nehmen Sie sich abends nach den Spielen überhaupt noch etwas vor?

Klar, warum nicht?

Weil es zuletzt kaum noch etwas zu feiern gab.

Man hat ja auch ein Leben neben dem Fußball, und wenn ich abends nur mit meiner Frau essen gehe. Du musst auch was anderes machen, sonst wirst du verrückt im Kopf. Sonst machst du dir dein ganzes Leben kaputt.

Gerade als Spieler vom HSV?

Abstiegskampf ist hart, vor allem in Hamburg. Das ist eine so fußballbegeisterte Stadt, dass man überall darauf angesprochen wird. Gerade ich als langjähriger Spieler. Mein Gesicht kennt man. Es ist hier eine Extremsituation.

Wo werden Sie denn angesprochen?

Überall. In Lokalen, beim Einkaufen, auf dem Spielplatz mit meinen Kindern.

Und was sagen Ihnen die Fans?

Nach Siegen gibt’s natürlich viel Lob. Nach Niederlagen lautet die Frage immer: „Was war denn da los?“ Heftig war es vor den Relegationsspielen, da haben mich die Fans angefleht: „Bitte bleibt in der Liga!“

Ihnen droht die vierte Relegation gegen den Abstieg. Bislang schafften Sie es immer: einmal mit Nürnberg, zweimal mit Hamburg. Sind Sie das Gesicht des Abstiegskampfes der Liga?

Erst mal ist es für mich positiv, dass ich immer gewonnen habe. Ich habe ja auch den Aufstieg mit Nürnberg über die Relegation geschafft. Aber natürlich ist es hart, dass wir wieder so weit unten stehen. Und wir wissen alle, dass der Kampf bis zum letzten Spiel andauern wird. Das habe ich mir auch anders gewünscht, und auch ich habe andere Ziele. Aber als Gesicht des Abstiegskampfes sehe ich mich nicht – und möchte das auch nicht sein.

Warum nicht?

Ich bin einfach ein positiver Mensch, der immer gut gestimmt ist. Damit kann man viel ausmachen. Mit dieser Art versuche ich, der Mannschaft weiterzuhelfen, gerade den jungen Spielern.

Wie funktioniert das?

Wir sprechen am Tisch viel darüber. Ich erzähle dann beim Essen, wie es in den vergangenen Jahren war. Wie wir es geschafft haben.

Haben Sie dem 18-jährigen Fiete Arp schon einen persönlichen Rat gegeben?

Nein. Fiete befindet sich gerade in einem starken Karriere-Aufschwung. Da sollte man ihn so lassen, wie er ist. Weil er auch einfach so unbekümmert ist. Das tut uns allen gut.

Woher nehmen Sie selbst diese Kraft?

Nach einem schlechten Spiel komme ich nach Hause, schließe die Tür auf, und meine Kinder rennen mir in den Arm. Das ist einfach ein geiles Gefühl. Du bist von jetzt auf gleich in einer anderen Welt. So kann ich die negativen Gedanken, die gerade auch von außen kommen, abwehren.

Sprechen Sie mit Ihren Kindern auch über Ihren Job?

Meine Tochter ist sieben, die fragt mich nach Niederlagen, wieso wir verloren haben. Dann erkläre ich es ihr so, dass sie es versteht. Mein Sohn ist fünf. Der ist einfach nur fußballverrückt. Mit ihm spiele ich zusammen im Garten. Er ist dann immer der HSV. Meine zwei weiteren Kinder sind noch zu jung.

Der Tabellenkeller gehört zu Ihrem Alltag. Schauen Sie überhaupt noch die Tabelle an?

Nein, schon gar nicht nach Niederlagen. Ich kriege schon früh genug mit, wie die Situation ist. Der HSV muss erstklassig bleiben, und dafür werden wir alles tun.

HSV-Legende Manfred Kaltz hat auch Sie zuletzt im SPORT BILD-Interview scharf kritisiert. Sie sollten mal Ihre Frau fragen, wie man in den Strafraum komme.

Es ist einfach, von früher zu erzählen. Auch wenn Herr Kaltz ein super Spieler war, da hatte man  schon deutlich mehr Zeit beim Flanken, das ist heute anders. Aber natürlich steht es Herrn Kaltz zu, seine Meinung zu sagen.

Schalten Sie den Fernseher mittlerweile ab, wenn der HSV thematisiert wird?

Wenn es wirklich ernst wird, versuche ich, nur noch wenig zu lesen und zu sehen. Weil es irgendwann nervt. Immer nur der HSV, viel wird über uns ins Lächerliche gezogen. Dieses Negative will ich an meine Familie und mich nicht heranlassen.

Ist die Kritik am HSV aus Ihrer Sicht ungerecht?

Das Schlimmste ist doch, dass heutzutage jeder irgendwas ins Internet stellen kann. Viele schreiben da was über den HSV und wollen lustig sein, aber darauf schaue ich nicht. Wir müssen auf uns gucken und dürfen den ganzen negativen Kram nicht an uns heranlassen.

Was ist Ihre Wunschschlagzeile für die Rückrunde?

Der HSV bleibt souverän erstklassig.

Und darunter: Diekmeier trifft zum Klassenerhalt?

So lange wollte ich eigentlich nicht auf mein erstes Tor warten (lacht).