Wie sich Jansen die HSV-Macht sicherte!

Autor : Maximilian Wessing | 01.04.2020

Diese Ge­schichte über Deutsch­lands größ­ten Chaos-Klub be­ginnt auf Mal­lor­ca. Dort tra­fen sich vor rund zwölf Jah­ren ein da­ma­li­ger HSV-Spie­ler und ein er­folg­rei­cher Un­ter­neh­mer. Rein zu­fäl­lig, weil es Über­schnei­dun­gen in den Freun­des­krei­sen gab. Die bei­den ver­stan­den sich von Be­ginn an gut. Trotz eines Al­ters­un­ter­schieds von 48 Jah­ren. Sie waren sich ei­nig: Man wolle in Kon­takt blei­ben.

Bei dem Spie­ler han­delt es sich um Mar­cell Jan­sen (34), seit ver­gan­ge­nem Sams­tag die mäch­tigste Per­son beim Ham­bur­ger SV. Bei dem Un­ter­neh­mer u m Klaus-Mi­chael Kühne (82), seit 2010 In­ves­tor beim HSV -und ab jetzt wie­der deut­lich mäch­ti­ger, weil Jan­sen nun so mäch­tig ist.

Nur der HSV schaffte es, in Zei­ten einer welt­wei­ten Krise mit ei­ge­nen Pro­ble­men in den Blick­punkt zu rücken. Es gab -mal wie­der – einen großen Knall beim HSV. Vor­stands­boss Bernd Hoff­mann (57) wurde frei­ge­stellt, weil seine Dif­fe­ren­zen mit den Vor­stands­kol­le­gen Jonas Boldt (38) und Frank Wett­stein (46) un­über­brück­bar wa­ren. Wor­auf­hin Hoff­manns Ver­trau­ter und Ex-Auf­sichts­rats­chef Max-Ar­nold Kött­gen (62) hin­warf. Ein Beben im Volks­park, von dem einer je­doch pro­fi­tier­te: Mar­cell Jan­sen. Er ist neben sei­ner Tä­tig­keit als Prä­si­dent des Stamm-Ver­eins nun auch Auf­sichts­rats­boss der Pro­fi­Ab­tei­lung. Und kann nun schal­ten und wal­ten, wie er möch­te. An sei­ner Sei­te: Klaus-Mi­chael Küh­ne. Der kein Ge­heim­nis dar­aus macht, dass er Jan­sen am liebs­ten im Vor­stand hät­te.

Über diese Macht ver­fügt Jan­sen nun. Seine Geg­ner im Auf­sichts­rat (ne­ben Kött­gen trat auch sein Stell­ver­tre­ter Tho­mas Schulz zu­rück) sind nun weg, von den wei­te­ren vier Mit­glie­dern wurde er ein­stim­mig zum neuen Boss ge­wählt. Volle Rücken­de­ckung. Über­spitzt ge­sagt heißt das jetzt: Jan­sen kann den Vor­stand je­der­zeit so zu­sam­men­stel­len, wie er es gerne hät­te. Mög­lich ist etwa, dass er im Vor­stand einen Pos­ten für Mar­kus Fröm­ming schafft, den Ab­ge­sand­ten von Kühne im Auf­sichts­rat. Oder eben etwa selbst Vor­stands­mit­glied wird. Was die Chan­cen deut­lich er­hö­hen wür­de, dass Kühne dem Ver­ein in die­sen schwie­ri­gen Zei­ten fi­nan­zi­ell unter die Arme greift.

Es waren höchst tur­bu­lente Wo­chen, ach was, Mo­na­te, zu­letzt in Ham­burg. Die Hoff­mann-Seite spricht von einem Putsch, durch den er am Ende ge­stürzt wur­de. Und dass Jan­sen hin­ter Boldt und Wett­stein der An­trei­ber ge­we­sen sei. Seit sei­ner Be­ru­fung in den Auf­sichts­rat im Fe­bruar 2018 han­delt Jan­sen nach die­sem Mus­ter: Er lotet Gren­zen aus und über­schrei­tet sie, so­lange es dem Ver­ein aus sei­ner Sicht hilft. Und ihm.

In der Sai­son 2018/2019 ver­schickte er schon nach dem vier­ten Spiel­tag SMS an Ver­eins­bos­se, dass der HSV so nicht auf­stei­gen wer­de. Und for­derte damit den Kopf von Ex-Trai­ner Chris­tian Titz. Als Auf­sichts­rats­mit­glied war und ist das je­doch über­haupt nicht seine Auf­ga­be, son­dern die des Vor­stands. Fünf Wo­chen spä­ter wurde Titz ent­las­sen. Hoff­mann, der Jan­sen bis dahin stets un­ter­stützt hat­te, wurde das erste Mal von Mit­strei­tern ge­warnt. Te­nor: „Pass auf Mar­cell auf!“ Seine Ant­wort stets: „Das kriege ich hin.“

Am 26. Fe­bruar 2019 schrieb Kühne eine Mail an den HSV-Vor­stand und -Auf­sichts­rat, dass man sich von Trai­ner Han­nes Wolf tren­nen müs­se. Kurze Zeit spä­ter bat Jan­sen den Vor­stand um ein Ge­spräch, in dem er genau diese For­de­rung auch selbst ein­brach­te. Wie­der mischte er sich in die Trai­ner­frage ein, doch dies­mal blieb der Trai­ner (zu­min­dest bis Sai­son­en­de) im Amt. Der 34-jäh­rige Jan­sen nannte Wolf in­tern von da an häu­fig nur noch „Ju­gend-Trai­ner“, als An­spie­lung auf des­sen jun­ges Alter (da­mals 37). Und auch den jet­zi­gen Trai­ner Die­ter Hecking kri­ti­sierte Jan­sen be­reits: etwa laut­stark auf der Tri­büne bei ver­gan­ge­nen Heim­spie­len.

Drei Tage vor dem Hoff­mann-Aus muss­ten die drei Vor­stände beim Auf­sichts­rat vor­spre­chen, um ihre Sicht der Dinge zu schil­dern. Im Nach­hin­ein das HSV-Ende für Hoff­mann, weil Boldt und Wett­stein klar sag­ten, dass eine wei­tere Zu­sam­men­ar­beit mit ihm wegen di­ver­ser Al­lein­gänge un­mög­lich sei. Schon vor die­sen Ge­sprä­chen bat Jan­sen den ehe­ma­li­gen Vor­sit­zen­den Kött­gen um ein kur­zes Ge­spräch. Seine Bot­schaft: Hoff­mann müsse weg. Schon da war Hoff­mann und sei­nen An­hän­gern klar: Sie wer­den den Kampf wohl ver­lie­ren. Weil Hoff­mann und Jan­sen seit Mo­na­ten kaum mehr mit­ein­an­der ge­spro­chen ha­ben, son­dern Boldt die Kom­mu­ni­ka­tion des Vor­stands mit ihm über­nahm.

So konn­ten sie in aller Ruhe aus­lo­ten, wie sie Hoff­mann die ent­schei­dende Falle stel­len kön­nen. Aus der Ferne in der Schweiz mit da­bei: Klaus-Mi­chael Küh­ne, der via „Zeit“ zuvor ver­lau­ten ließ, dass er auf per­so­nelle Ver­än­de­run­gen hof­fe. Mit der Emp­feh­lung, Jan­sen in den Vor­stand auf­zu­neh­men. Dies lehnte Jan­sen zu­letzt in Krei­sen des Auf­sichts­rats noch ab. Die Frage ist, wie lange noch.

Hoff­mann tut Jan­sens Er­folg nun dop­pelt weh. Nicht nur, dass er sei­nen Job ver­lor. Er selbst war es, der Jan­sen etwa bei des­sen Prä­si­dent­schafts­wahl un­ter­stütz­te. Als Hoff­mann zu Be­ginn sei­ner jüngs­ten Amts­zeit einen neuen Sport-Vor­stand such­te, fer­tigte er eine Liste mit drei Namen an: Mar­kus Krösche, Rou­wen Schrö­der und Ralf Becker. Er bat Jan­sen, ihn bei der Ent­schei­dung zu un­ter­stüt­zen. Jan­sen traf sich u.a. mit Be­cker und emp­fahl Hoff­mann dann, ihn zu ver­pflich­ten. Ehe er ein Jahr spä­ter, nach dem ver­pass­ten Auf­stieg, dafür stimm­te, Be­cker zu ent­las­sen.

Das Gro­teske nun: Hoff­mann muss sich aus­ge­rech­net mit Jan­sen über seine Ab­fin­dung ei­ni­gen.

Der ehe­ma­lige Na­tio­nal­spie­ler weiß, dass einem im Leben nichts ge­schenkt wird. Seine Mut­ter hatte frü­her im Lager von „Al­di“ ge­ar­bei­tet, an­schlie­ßend Essen für die Fa­mi­lie ge­macht und ihren Sohn dann zum Trai­ning ge­fah­ren. Sein Vater hat in der Wa­re­n­an­nahme bei „Kai­ser ’s“ ma­locht. Ar­beits­be­ginn: 4 Uhr. Diese be­din­gungs­lose fa­mi­li­äre Dis­zi­plin hat Jan­sen ge­prägt. Ihm fiel es stets ein­fa­cher als an­de­ren, klare Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und klare An­sa­gen zu ma­chen. So war es schon 2018, als er ge­fragt wur­de, ob er in den Auf­sichts­rat des HSV ein­tre­ten wol­le. Er ant­wor­te­te: Nur unter der Be­din­gung, dass es per­so­nelle Ver­än­de­run­gen im Ver­ein gebe. Kurze Zeit spä­ter war Trai­ner Bernd Hol­ler­bach ge­nauso ent­las­sen wie kurz dar­auf Sport­chef Jens Todt und Vor­stands­boss He­ri­bert Bruch­ha­gen.

Nun steht Jan­sen je­doch erst­mals in der ers­ten Reihe beim HSV -und muss sich auch öf­fent­lich be­wei­sen. Hoff­mann ver­han­delte zu­letzt etwa mit fast ein­hun­dert Spon­so­ren über deren Ver­trä­ge. Sollte die Sai­son tat­säch­lich mit Geis­ter­spie­len zu Ende ge­spielt wer­den, stünde etwa Haupt­s­pon­sor „E­mi­ra­tes“ eine Rück­zah­lung zu. Hoff­mann selbst sagte im SPORT BILD-In­ter­view, dass der Ver­ein in die­sen Kri­sen­zei­ten nun ein fi­nan­zi­el­les Ri­siko in Höhe von 20 Mio. Euro habe. All diese The­men hat Jan­sen jetzt zu ver­ant­wor­ten.

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