VfL Wolfsburg Manager Jörg Schmadtke is shown on the sideline of a football pitch
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40 Millionen Euro gab der VfL Wolfsburg im Sommer für sechs Spieler aus. Teuerster Zugang war Stürmer Ginczek für 14 Mio. Euro vom VfB Stuttgart. Quelle: Getty Images // All rights reserved.

Jörg Schmadtke: "Woanders habe ich mehr verdient"

Der Manager über die Möglichkeiten beim VfL

SPORT BILD: Herr Schmadtke, Ihre Ex-Klubs Alemannia Aachen, Hannover 96 und 1.FC Köln sind alle Traditionsklubs. Welchen Reiz hat der VfL Wolfsburg für Sie, den Ihre vorherigen Vereine nicht hatten?

Jörg Schmadtke (54): Das mit den Traditionsvereinen lasse ich mal dahingestellt ...

Warum? 

Wir müssten zuerst mal über die Definition sprechen. Der 1. FC Köln gilt landauf, landab als Traditionsverein – und ist 1948 gegründet worden und damit relativ jung. Der VfL Wolfsburg ist 1945 gegründet worden, Hoffenheim 1899, aber da würde keiner von einem Traditionsverein sprechen. Also: Woran machen wir Tradition fest? Aber zurück zu Ihrer Frage ...

Der Reiz des VfL für Sie!

Der Reiz war für mich ganz klar: Ich hatte das Gefühl, dass die Möglichkeiten zuletzt nicht optimal ausgenutzt wurden, dass man in den vergangenen zwei Jahren mehr hätte erreichen können, als sich in der Relegation zu retten. Erstens wollte ich sehen: Warum ist das so gelaufen? Und zweitens: Kann ich mit meiner Art, Dinge anzupacken, das anders hinbekommen?

Provokant gefragt: Dann war Ihr Gehalt beim VfL nicht der große Anreiz?   

Wenn das jemand glauben mag, dann soll er das glauben.

Wäre diese Annahme denn total abwegig im Fußball-Geschäft?

Ich habe schon Stationen gehabt, bei denen ich mehr verdient habe. Aber ich will mich gar nicht gegen diese Annahme wehren – sie interessiert mich einfach nicht. Ich werde keine Neid-Debatte befeuern. Ich habe meine beruflichen Entscheidungen aber noch nie von wirtschaftlichen Dingen abhängig gemacht. 

Die Debatte gibt es ja seit Ihrem Abschied im Oktober 2017 aus Köln: Sie wurden kritisiert, weil Sie den Klub mit einer Abfindung in Höhe von mehr als 3 Millionen verlassen haben.   

Ich habe meinen Vertrag aufgelöst, der noch sehr lange lief (bis 2023). Ich hätte mir in dem Fall gewünscht, dass es nicht in der Öffentlichkeit landet. Aber so ist es nun mal gelaufen und ich muss mich deshalb nicht schämen.

"Es wäre gut, mit den Bedingungen hier ein bisschen mehr rauszuholen als Relegation"

Verstehen Sie, dass die FC-Fans sauer sind? Die Wahrnehmung ist: Der schmeißt hin und nimmt das Geld mit!

Dann müssen wir festhalten, wie diese Trennung zustande gekommen ist. Und wenn ich richtig gehört habe, dann hat auf der letzten Jahreshauptversammlung des 1. FC Köln der Präsident gesagt, dass er mich entlassen hat. Wenn es ein Gerichtsverfahren gegeben hätte, dann wäre es teurer geworden.

In der Pressemitteilung damals war von einer einvernehmlichen Trennung die Rede ...

Komisch, oder?

Das finden wir auch!

Aber ich werde nicht zur Aufklärung beitragen. Das ist Vergangenheit und interessiert mich nicht mehr. Jeder soll seine eigene Wahrheit finden. 

Haben Sie noch Kontakt zum FC?

Mein Sohn arbeitet beim FC. Der freut sich, wenn er mich sieht. Und auch sonst habe ich Kontakt nach Köln. Es gibt Menschen, die sich noch mit mir unterhalten.

Es heißt, Sie wollten Wolfsburg-Trainer Bruno Labbadia schon damals zum FC holen und ihn für Peter Stöger installieren ...

Das ist Quatsch. 

Wir dachten, jetzt hätte sich Ihr Wunsch verspätet beim VfL erfüllt.

Das wäre eine runde Geschichte, was? Es gibt auch das Gerücht, dass ich ihn hier schon vor meinem Amtsantritt installiert hätte. Es wird viel erzählt, aber da ist auch viel dummes Zeug dabei. 

Lassen Sie uns über Ihre neue Aufgabe sprechen. Wie sind Ihre Ambitionen? Wo soll der VfL in fünf Jahren stehen?

Im ersten Schritt geht es um Stabilisierung. Die Frage ist, wie lange dieser Prozess dauert. Ist die Stabilisierungsphase abgeschlossen, werden wir uns Gedanken machen, wie wir uns in die obere -Tabellenhälfte bewegen können.

Wie lange haben Sie für die Stabilisierung eingeplant?

Ich habe einen Dreijahresvertrag und deswegen sollte er dann spätestens abgeschlossen sein.

Und dann Europa?

Es hat schon viele Strategien im Fußball gegeben, da war die Tinte noch nicht trocken und die Pläne bereits über den Haufen geworfen. Aber im Idealfall ist der Stabilisierungsprozess nach zwei Jahren abgeschlossen. Danach muss man sich nach oben bewegen.

Diese Zurückhaltung ist beim VfL neu. Zuletzt entsprachen die Platzierungen nicht mehr den Zielen Ihrer Vorgänger.  

Ich glaube, dass die Außenwahrnehmung des VfL nicht immer richtig ist. Es heißt, da steht mit VW der weltgrößte Autobauer hinter dem Klub, bei denen spielt Geld keine Rolle. Aber hier gibt es genauso kaufmännische Grundprinzipien, die wir beachten. Klar gibt es wirtschaftlich eine bessere Ausstattung als bei vielen anderen Klubs. Die Infrastruktur sucht ihresgleichen in der Liga. Es wäre gut, mit diesen Bedingungen ein bisschen mehr herauszuholen als Relegation.

Brauchen Sie diese Bedingungen, um in Vertragsgesprächen den Nachteil des Standortes Wolfsburg auszugleichen?

Die Frage ist, was man will. Wenn man mal sieht, was ein Fußballunternehmen ausmacht, nämlich die Arbeit auf dem Platz und das Ausbilden und Verbessern von Spielern, dann ist der Standort hier kein Nachteil. Außerdem gibt es weniger Störfaktoren als in anderen Großstädten. 

„Unterm Strich ist egal, wo ein Slogan herkommt. Er muss zur jeweiligen DNA des Vereins passen“

Eines Ihrer Ziele war die Installation eines Werte-Systems. Haben Sie dafür einen Regelkatalog an die Wände gepinnt?

Sind Sie verheiratet? Schauen Sie, ich habe in meinem Ehering ein Datum eingraviert. Aber irgendwann schauen Sie darauf und nehmen das gar nicht mehr wahr. Sie müssen das nicht irgendwo plakativ aufschreiben, Sie müssen das in die Köpfe reinbekommen.

Wie?

Indem man mit Menschen redet.

Das muss man dann aber permanent wiederholen.

Kommunikation ist ein permanenter Prozess. 

Oft ist es aber nicht gerade eine Selbstverständlichkeit im Profi-Geschäft – und beim VfL tauchte das Problem in den vergangenen Jahren immer wieder neu auf.

Es ist eine kommunikative Herausforderung. Sie müssen die Dinge, die Sie sich vornehmen, auch leben. Ich kann nicht über Ehrlichkeit sprechen und dann die Leute hier auf dem Weg nicht mitnehmen. Wir leben dieses Wertesystem jeden Tag. Unser Motto „Arbeit. Fußball. Leidenschaft“ ist in diesem Kontext miteinzubeziehen.

Der Slogan wurde von den eigenen Fans entwickelt. Ist Wolfsburgs Claim also ehrlicher als wenn sich eine PR-Agentur darum gekümmert hätte?

Ein Slogan muss zu der jeweiligen DNA des Vereins passen. Wenn das der Fall ist, ist es unterm Strich egal, wo er herkommt. Ich glaube, dass unser Claim sowohl für den Standort, als auch für den VfL und für VW sehr passend ist. 

Ist dieser Slogan echter als „Spürbar anders“ des 1. FC Köln oder die „Echte Liebe“ beim BVB? Gibt es beides überhaupt noch im Profi-Business?

Ein Claim soll widerspiegeln, wie ein Klub wahrgenommen werden möchte, aber auch, wie der Verein wirklich ist. Beim 1. FC Köln war ich am Claim mitbeteiligt. Hier gehört der Karneval mit zur DNA. Das ist schon anders als bei den meisten anderen Klubs. Ob es echte Liebe gibt? In Dortmund ist es ja auf die Verbundenheit der Fans auf der Südtribüne gemünzt, auf der 25 000 Menschen stehen. Das passt für mich.

Hatten Sie selbst mal einen Karriere-Plan?

Was verstehen Sie unter Karriere-Plan?

Dass der nächste Verein größer sein muss als der vorherige zum Beispiel?

Nein. Das kann man in dieser Branche auch nicht planen. Ich bin von Hannover in die 2. Liga nach Köln gegangen ...  

Dort haben Sie herausragende Arbeit geleistet und den Klub mit vereinten Kräften nach Europa geführt. Als es dann nicht lief und Sie den Klub verließen, wurde das als Delle in Ihrer Manager-Karriere wahrgenommen. Zu Recht?

Nein, das sehe ich so nicht. Ich habe auch sonst wenig Dellen gehabt, wenn ich zurückblicke. Ich hatte immer Phasen, in denen ich mich mal mit mir selbst beschäftigen konnte. Ich denke, dass man so wieder einen klaren Blick für andere Themen bekommt. Und deutlich wahrnimmt, dass es ein anderes Leben neben dem Fußball gibt.

Text von Nina Greßmann und Robert Schreier