Hoffmann: Ich dachte, diese Zeiten sind beim HSV vorbei

Autor : Nina Iwannek-Gressmann | 19.03.2020

Es sind tur­bu­lente Zei­ten im Ham­bur­ger Volks­park. Nicht nur wegen der welt­wei­ten Co­rona-Kri­se, die auch den HSV mit vol­ler Wucht tref­fen wird. Strei­tig­kei­ten im Vor­stand, Angst um den di­rek­ten Auf­stieg, aus­lau­fende Ver­trä­ge. Über all das spricht Vor­stands­boss Bernd Hoff­mann (57) im großen In­ter­view.

SPORT BILD: Herr Hoff­mann, das Co­ro­na­vi­rus hat den eu­ro­päi­schen Fuß­ball lahm­ge­legt. Wie hoch wäre der fi­nan­zi­elle Scha­den für den HSV, sollte der Klub die ver­blei­ben­den fünf Heim­spiele nicht mehr aus­tra­gen kön­nen?

BERND HOFFMANN (57): Zum einen gin­gen die Ein­nah­men der Spiel­tage ver­lo­ren , da reden wir über ins­ge­samt fünf bis sie­ben Mil­lio­nen Euro. Hinzu käme im schlimms­ten Fall, näm­lich dass die Sai­son über­haupt nicht mehr be­en­det wird, dass wir Ver­träge mit Part­nern mög­li­cher­weise nicht voll­stän­dig er­fül­len könn­ten. Alles zu­sam­men­ge­rech­net hät­ten wir dann ein Ri­siko von bis zu 20 Mil­lio­nen Euro.

Wie lange kann ein Ver­ein wie der HSV über­haupt ohne den lau­fen­den Spiel­be­trieb über­le­ben?

Zu­nächst ein­mal ist un­ab­ding­bar, dass Vor­stand und Auf­sichts­rat wei­ter­hin ver­trau­ens­voll zu­sam­men­ar­bei­ten und schnelle Ent­schei­dun­gen tref­fen kön­nen. Im Som­mer hät­ten wir dann aber aus fi­nan­zi­el­ler Sicht im­mense Pro­ble­me. Sollte sich die Lage bis dahin nicht ent­schärft ha­ben, müss­ten wir dras­ti­sche Maß­nah­men tref­fen. Es geht hier na­tür­lich haupt­säch­lich um die Ge­sund­heit, es geht aber auch um fast 600 Voll-und Teil­zeitan­ge­stellte bei un­se­rem HSV. Der Si­che­rung die­ser Ar­beitsplätze gilt unser Haupt­au­gen­merk in die­ser Kri­se.

Wie soll das funk­tio­nie­ren?

All die­je­ni­gen, die von dem Fuß­ball-Boom der ver­gan­ge­nen Jahre pro­fi­tiert ha­ben, wer­den auch jetzt ihren Bei­trag zur Be­wäl­ti­gung der Krise leis­ten müs­sen. Wir wer­den alle Kos­ten­po­si­tio­nen auf den Prüf­stand stel­len.

Kom­men wir zum HSV. Zu­letzt war viel über Strei­tig­kei­ten zwi­schen Sport­vor­stand Jonas Boldt und Ihnen zu hö­ren. Hat das Ihr Ver­hält­nis nach­hal­tig ge­schä­digt?

Jonas Boldt war vor zwei Jah­ren schon mein Wunsch­kan­di­dat. Im ver­gan­ge­nen Jahr war ich dann sehr froh, dass wir ihn zum HSV holen konn­ten. Ich habe ihn für einen ab­so­lu­ten Profi in sei­nem Be­reich ge­hal­ten. An die­ser Ein­schät­zung hat sich rein gar nichts ver­än­dert. Mir war klar, dass wir ein Al­pha­tier ver­pflich­ten, das immer eine ei­gene Mei­nung haben wird und diese auch ver­tritt. Und Jonas Boldt war klar, dass er mit mir hier nicht in einen di­plo­ma­ti­schen Corps ein­tritt.

Sie tra­fen sich mit In­ves­tor Klaus-Mi­chael Küh­ne, ohne Boldt Be­scheid zu ge­ben. Wür­den Sie man­che Dinge heute an­ders ma­chen?

An­lass des Ge­sprächs war die Ver­län­ge­rung des Sta­dion­ver­trags, also ein Thema aus mei­nem Vor­stands­be­reich. Den­noch war auch die­ser Vor­gang noch ein­mal An­lass, häu­fi­ger über alle The­men mit­ein­an­der zu spre­chen. Schlimm ist, dass De­tails über Ab­läufe in der Ge­schäfts­stelle und im Auf­sichts­rat in die Öf­fent­lich­keit ge­langt sind. Ich dach­te, diese Zei­ten beim HSV wären vor­bei.

In Ihrem Ver­trag ist die Klau­sel ver­an­kert, dass Sie der Auf­sichts­rat trotz Ver­trags bis 2021 um­ge­hend frei­stel­len darf, sollte der HSV nicht auf­stei­gen.

Un­ab­hän­gig da­von, ob es eine Klau­sel gibt oder nicht: Für den Auf­sichts­rat gibt es immer die Mög­lich­keit, per­so­nelle Ver­än­de­run­gen im Vor­stand zu voll­zie­hen, falls er das für not­wen­dig hält. Diese Mög­lich­keit hat der HSV in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren aus­gie­big ge­nutzt, nicht immer zu sei­nem Vor­teil. Wir sind auf einem or­dent­li­chen Weg, und ich bin sehr zu­frie­den mit der der­zei­ti­gen Kon­stel­la­tion. Diese ist für die kom­men­den Jahre trag­fä­hig.

Seit Mo­na­ten wird hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand er­zählt, Prä­si­dent Mar­cell Jan­sen wolle Vor­stands­chef wer­den. Haben Sie das Ge­fühl, dass ge­wisse Per­so­nen beim HSV gerne mehr Macht hät­ten?

Das kann ich mir beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len. Es geht jetzt nur ge­mein­sam für den HSV. Ich glaube nicht, dass ir­gend­je­mand, dem der HSV etwas be­deu­tet, in Hin­ter­zim­mern de­sta­bi­li­sie­rend wirkt.

Wür­den Sie Ihren Ver­trag gerne in die­sem Som­mer ver­län­gern?

Ich habe wäh­rend mei­ner ers­ten Amts­zeit vor zehn Jah­ren schon ge­sagt, dass ich beim HSV gerne in Rente gehen wür­de. Das gilt auch heute noch.

Wäre ein Nicht-Auf­stieg nicht Ihr großes Schei­tern?

Wir müs­sen den HSV mit­tel­fris­tig wie­der in die Bun­des­liga brin­gen. Und wenn uns das nicht ge­lingt, dann sind wir alle ge­schei­tert. Der­zeit sind Pro­gno­sen in jeg­li­cher Hin­sicht ex­trem schwie­rig. Aber Fakt ist: Wir sind der Ham­bur­ger SV. Da kön­nen wir uns nicht klein­re­den.

Las­sen Sie sich per­sön­lich le­dig­lich am sport­li­chen Er­folg mes­sen?

Na­tür­lich kann ich mich als Vor­stands­vor­sit­zen­der nicht vom sport­li­chen Er­folg ab­kop­peln. Ge­rade die ak­tu­el­len Er­eig­nisse zei­gen, dass die Ent­wick­lung des Klubs auch an an­de­ren Din­gen sehr stark ab­zu­le­sen ist. Wir hat­ten vor zwei Jah­ren große Pro­ble­me, die Li­zenz zu be­kom­men. Heute werde ich nicht ein­mal mehr da­nach ge­fragt, ob wir Auf­la­gen oder Be­din­gun­gen der DFL er­fül­len müs­sen. Es wer­den nun alle Ent­schei­dun­gen im Volks­park ge­fällt. Der HSV ist in der DFL und in der Stadt Ham­burg wie­der ex­zel­lent ver­netzt. Ganz be­son­ders wich­tig ist mir, dass wir die Kom­mu­ni­ka­tion und das Ver­hält­nis zu un­se­ren Fans deut­lich ver­bes­sert ha­ben. Und wir ma­chen mitt­ler­weile einen deut­lich grö­ße­ren Bogen um die Pein­lich­keits­fal­le.

Wie mei­nen Sie das?

Vor zwei oder drei Jah­ren wurde der Ver­ein ei­gent­lich immer nur im Kon­text mit ir­gend­wel­chen Un­fäl­len und Af­fä­ren ge­nannt. Heute ste­hen wir für in­no­va­ti­ven Um­gang mit Pyro-Tech­nik und reden deut­lich mehr über sport­li­che The­men. An all dem Ge­nann­ten lasse ich mich mes­sen, sage aber na­tür­lich auch ganz klar: Unser Weg muss in der Bun­des­liga mün­den.

Kön­nen Sie ver­spre­chen, dass Die­ter Hecking auch in einer mög­li­chen wei­te­ren Zweit­liga-Sai­son noch HSV-Trai­ner ist?

Bei einem Auf­stieg ver­län­gert sich der Ver­trag ja au­to­ma­tisch, das ist so ge­re­gelt. Ich gehe davon aus, dass wir in der exakt glei­chen Kon­stel­la­tion eine er­folg­rei­che Spiel­zeit 2020/2021 spie­len wer­den.

Wie stark wirft jedes wei­tere Zweit­liga-Jahr den HSV zu­rück?

Fakt ist, dass jede Zweit­liga-Sai­son an der Sub­stanz frisst. Und dass der Auf­stieg des­halb von Jahr zu Jahr schwie­ri­ger wird und es ebenso immer schwie­ri­ger wird, sich in der Bun­des­liga dann zu eta­blie­ren. Man muss sich nur ein­mal den Markt­wert des HSV von vor zehn Jah­ren an­schau­en, da lag der Klub auf Au­gen­höhe mit Bo­rus­sia Dort­mund. Nun lie­gen wir in die­ser Ta­belle nur noch auf Platz 18 aller Teams in Deutsch­land. Das gibt eine Ori­en­tie­rung zu den ak­tu­el­len Kräf­te­ver­hält­nis­sen.

Wie ginge es nach einem mög­li­chen Auf­stieg wei­ter?

Die Frage ist, wie viel man dann in­ves­tie­ren kann. Und das un­ter­schei­det uns von ei­ni­gen Ver­ei­nen in der Bun­des­li­ga: Mit un­se­rer star­ken Marke , un­se­rem großen Ein­zugs­ge­biet und der Stadt, die hin­ter uns steht, könn­ten wir wahr­schein­lich einen Per­so­na­le­tat stem­men , mit dem wir nicht zu den un­ters­ten d r e i Mann­schaf­ten der Liga ge­hö­ren wür­den. Al­ler­dings mit Si­cher­heit zum un­te­ren Drit­tel der Liga. Des­halb könnte auch in einem mög­li­chen ers­ten Erst­liga-Jahr nichts an­de­res als Platz 15 das Ziel sein. In den ak­tu­el­len Kri­sen-Zei­ten ist das aber eine Ziel­set­zung, die auf sehr un­si­che­ren Füßen steht.

Wie viel Ein­nah­men hätte der HSV in Bun­des­liga mehr als jetzt?

Das ist ab­hän­gig da­von, wo wir im TV-Ran­king ste­hen. Aber auch hier gilt: Nach Co­rona wird nichts mehr sein wie vor­her. Aber bis vor einem Monat hätte ich noch ge­sagt, dass wir zwi­schen 30 und 50 Mil­lio­nen Euro mehr ein­neh­men könn­ten.

Sie sag­ten zu­letzt bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung, 2024 wol­len Sie wie­der auf Au­gen­höhe mit Ver­ei­nen wie Frank­furt sein. Ist das rea­lis­tisch?

Dafür müs­sen wir viele gute Ent­schei­dun­gen tref­fen. Und die vie­len Fehl­ent­schei­dun gen der ver­gan­ge­nen Jahre las­sen sich ein­fach nicht in ein oder zwei Jah­ren be­he­ben. Das geht nicht durch Hand­auf­le­gen. Ich habe das Jahr 2024 ge­wählt, weil wir dann die EM auch hier in Ham­burg ha­ben. Dann wol­len wir über die obere Ta­bel­len­hälfte der Bun­des­liga re­den, ohne dass uns einer aus­lacht. Unser An­spruch muss ein­fach sein, dass wir ein ernst ge­nom­me­nes Mit­glied der Bun­des­liga wer­den.

Kampf­ab­stim­mung um Hoff­manns Zu­kunft

Die Ver­träge von Vor­stands­boss Bernd Hoff­mann (57) und Sport­vor­stand Jonas Boldt (38) lau­fen bis 2021. Bei Hoff­mann soll be­reits in die­sem Som­mer ent­schie­den wer­den, ob und wie es mit ihm wei­ter­geht. Dar­über ent­schei­det der HSV-Auf­sichts­rat, der aus sie­ben Per­so­nen be­steht. Bei einer Kampf­ab­stim­mung um Hoff­manns Zu­kunft würde es eng wer­den: Mi­chael Krall ist ein kla­rer Hoff­mann-Geg­ner, Prä­si­dent Mar­cell Jan­sen und Mar­kus Fröm­ming könn­ten ei­gene In­ter­es­sen in den Vor­der­grund stel­len. Jan­sen wer­den schon seit län­ge­rer Zeit grö­ßere Am­bi­tio­nen nach­ge­sagt, Fröm­ming, ein Ab­ge­sand­ter von In­ves­tor Klaus-Mi­chael Küh­ne, will gern in den Vor­stand des HSV auf­rücken. Für ihn müsste der Klub dann al­ler­dings einen vier­ten Vor­stands­pos­ten ins Leben ru­fen, der Fröm­mings Fä­hig­kei­ten ent­spricht, etwa für der Be­reich Mar­ke­ting. Hoff­manns Vor­teil: Mit Auf­sichts­rats­chef Max-Ar­nold Kött­gen hat er einen sehr mäch­ti­gen Ver­tre­ter auf sei­ner Sei­te. Kött­gen wird, un­ab­hän­gig vom Aus­gang der Sai­son, für eine Ver­län­ge­rung des Ver­trags vom Vor­stands­boss plä­die­ren. Die wei­te­ren drei Mit­glie­der des Auf­sichts­ra­tes sind eher neu­tral ein­ge­stellt.

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