Maxi Arnold
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Arnold: „Bei solchen Summen kann man nicht normal bleiben“

Der VfL-Star spricht über die Gehälter im Fußball

Sport Bild: Herr Arnold, sind Sie das Gesicht des VfL Wolfsburg?

Maximilian Arnold (23): Ich komme gar nicht mehr drum herum. Alle anderen sind ja weg. Ich versuche, das so gut wie möglich auszufüllen. Aber ich bin auch nur ein Mensch.

Belastet die Rolle?

Es ist nicht die Rolle, die mir Druck macht. Den habe ich mir immer selbst gemacht. Als wir Relegation gespielt haben, habe ich mir so viele Gedanken gemacht, dass ich nicht mehr frei war.

Darf das Gesicht den Verein wechseln?

Man schaut nach links und rechts. Das ist legitim. Aber jetzt gebe ich Vollgas für den VfL. Ich kann aber nicht sagen, dass ich bis 2020 (Laufzeit seines Vertrags; d. Red.) bleibe. Dafür ist das Fußballgeschäft zu schnelllebig. Der VfL ist nicht irgendein Verein für mich. Diese Bindung spielt eine Rolle, wenn man sich Gedanken über die Zukunft macht. Ich würde gern als Stammspieler dauerhaft international auflaufen. Wenn das mit Wolfsburg möglich ist, wäre es gut.

Wie weit darf man als Spieler gehen, wenn ein großer Verein anklopft? Dembélé hatte sich aus Dortmund weggestreikt.

Streiken geht gar nicht. Ich glaube daran, dass man weiter kommt, wenn man intern seine Wünsche offen anspricht, als wenn man so was abzieht. Auf der anderen Seite: Wenn man solche Summen hört, kann man als Spieler nicht normal bleiben. Viele Menschen gehen mit 1600 Euro brutto nach Hause, im Fußball verdienen junge Leute ein Vielfaches am Tag. Robert Lewandowski hat gesagt: Es geht nur ums Geld. Fußball ist eine Parallelwelt. Da hat er recht, das hat mit dem normalen Leben nichts mehr zu tun.

Wie groß ist die Gefahr für junge Spieler durchzudrehen?

Ich glaube recht groß. Ich konnte mir als B-Jugend-Spieler im Monat drei Bahnfahrten nach Hause leisten. Heute verdienen die Jungs vierstellig oder mehr. Die einzige Möglichkeit, die Bodenhaftung zu behalten, ist das Elternhaus. Nur wenn du entsprechend erzogen wurdest, kannst du das einordnen.

Sie wirken bodenständig. Was ist Ihr materieller Luxus?

Schwierig. Mir müssen meine Eltern oft sagen, dass ich mir auch mal was gönnen soll. Ich mag zum Beispiel Uhren. Aber ich habe extremen Respekt davor, größere Summen dafür auszugeben.

Vor zwei Jahren war der VfL Vizemeister und Pokalsieger. Was fehlt der Mannschaft heute?

Ich habe zu Hause ein Foto vom Pokalsieg. Wenn ich darauf schaue, sehe ich nur noch zwei, die immer noch da sind: Josh (Josuha Guilavogui; d. Red.) und ich. Das sagt schon fast alles. Die guten Spieler sind gegangen, und wir hatten das Pech, dass diejenigen, die gekommen sind, nicht wie erhofft eingeschlagen haben. Draxler, Schürrle oder Kruse – alle haben Qualität, aber es hat hier leider nicht geklappt.

Woran liegt es, dass kaum ein Star in Wolfsburg an seine Top-Leistung herankommt?

Am Standort oder am Verein kann es nicht liegen. Kevin De Bruyne, Ivan Perisic oder Bas Dost haben es ja auch hinbekommen. Wir dürfen uns hier nicht beschweren, wir haben alles, was man braucht.

Weiß das jeder zu schätzen?

Das ist die andere Frage.

Wo auf Ihrer Gefühls-Achterbahn sind Sie gerade?

Ich fahre langsam wieder nach oben. Ich hoffe, dass jetzt mal ruhigere Zeiten kommen. Vier Trainer in zwölf Monaten sind schon viel. Du hörst immer, jetzt wird alles gut. Aber dann geht es wieder von vorn los.

Welchen Eindruck haben Sie von Trainer Martin Schmidt?

Er ist Feuer und Flamme für den Verein und uns. Er will nach vorn und überträgt das auf die Mannschaft. Das merkt man vor allem bei seinen Ansprachen. Da marschiert er hin und her, ist laut. Danach hast du das Gefühl: Okay, jetzt müssen wir unbedingt.

Schmidt sagt, er hatte früher als gegnerischer Trainer Angst vor Ihnen, Sie seien ein Führungsspieler und Leistungsträger. Er baut sehr auf Sie.

Das ist ein neues Gefühl.

Unter Schmidts Vorgängern waren Sie nicht immer so angesehen, zuletzt bei Andries Jonker saßen Sie zunächst nur auf der Bank, weil er sehen wollte, dass Sie sich richtig reinhängen.

Ich habe in den vergangenen Monaten viel gelernt. Wenn man sich immer wieder aufs Neue beweisen muss, entwickelt man mehr Distanz. Ich habe gelernt, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und mich nicht so verrückt zu machen.

Zu Saisonbeginn waren Sie keiner der drei Kapitäne, Schmidt behält sich Änderungen vor, er will Sie positionieren. Wollen Sie VfL-Kapitän werden?

(lacht) Klar, danach werde ich Trainer und Sportdirektor des Vereins. Im Ernst: Das hört sich gut an, aber Mario Gomez ist unser Kapitän. Mal sehen, wie es dann im Sommer weitergeht. Bis dahin mache ich meinen Mund auch so auf.

Sie haben die U 21 als Kapitän zum EM-Titel geführt und können im zentralen Mittelfeld auf einigen Positionen spielen. Auf welcher sind die Chancen am größten, zur WM zu fahren?

Bei der großen Konkurrenz in Deutschland ist auf der 10 der Zug abgefahren. Und auf der 6 oder 8? Ich habe mal durchgezählt: Auch da haben wir acht, neun Spieler, die auf Top-Niveau spielen. Es wird schwer für mich. Und Außenverteidiger kann ich leider nicht.

Haben Sie die Bundestagswahl verfolgt und machen sich Gedanken über Politik?

Ja, auch weil ich aus einem Bundesland komme, in dem das Ergebnis echt schlimm war.

Sie stammen aus Sachsen, Ihre Familie lebt dort. Dort ist die AfD stärkste Partei geworden.

Aus meinem direkten Umfeld hat niemand einen Bezug zu dieser Partei. Aber es gibt Leute, die tatsächlich gefragt haben: „Du spielst mit so vielen dunkelhäutigen Spielern zusammen, wie kommst du damit klar?“ Diese Frage ist krass – als ob ich ein Problem mit der Herkunft oder dem Aussehen meiner Kollegen hätte. Mag sein, dass die Bundesregierung auch Fehler gemacht hat, aber wenn ich gewisse Aussagen aus dem Dunstkreis der AfD höre, schäme ich mich fast sogar. Manchmal befürchte ich, dass es zwar Protestwähler sind, sie aber möglicherweise einen größeren Stein ins Rollen bringen.