"Es ist geil, es allen zu zeigen"

Autor : Robert Schreier | 09.05.2019

Wout Weghorst spielt seine erste Bundesliga-Saison. Der Holländer hat in 34 Pflichtspielen schon 15 Tore erzielt, sechs vorbereitet. Der Stürmer wurde spät Profi, nun winkt die Königsklasse

SPORT BILD: Herr Weghorst, Ihre Familie besitzt über 100 Tankstellen in Holland. Wie viel hat Wolfsburg für den Saison-Endspurt noch im Tank?

WOUT WEGHORST (26): Puh, so ein anstrengendes Jahr wie dieses habe ich noch nie erlebt. In den letzten sechs Wochen tat mir unter der Woche einiges weh. Aber samstags sind wir immer wieder da. Zu den Spielen sind wir wieder randvoll aufgetankt (lacht). Wir haben in der Vorbereitung sehr viel gemacht, drehen jetzt viele Ergebnisse am Schluss und haben immer noch die zweitmeisten Sprints der Liga. Das zeigt, dass wir noch fit sind.

Kein Spieler zieht in der Bundesliga so viele Sprints an wie Sie. Quälen Sie sich gern?

Ich bin so. Bei mir gehören Kampf und Arbeit dazu. Ich denke, das ist mein Charakter. Es war nicht immer leicht für mich, und ich habe sehr viel investieren müssen.

Der VfL hat nur zwei Punkte Rückstand auf Platz vier. Wie klingt für Sie die Schlagzeile: „Wout Weghorst in der Champions League“?

Sehr gut. Das ist das höchste Niveau, das man erreichen kann. Es ist in dieser Saison noch alles möglich. Auch Platz vier ist drin. Ich kenne schon seit letzter Woche das Restprogramm aller Mannschaften und habe schon ein bisschen gerechnet, wo wir landen könnten.

Wenn wir Europa schaffen, habe ich all meine Ziele erreicht.

Was haben Sie errechnet?

Platz vier ist möglich. Aber Mathematik bringt nichts, wenn wir nicht unsere Spiele gewinnen. In der Hinrunde haben wir die letzten beiden Spiele gewonnen, wenn wir das wieder schaffen, sind wir in Europa. Unsere Konkurrenten spielen ja auch noch gegeneinander.

Sie hatten sich vor der Saison zwölf Tore als Ziel gesetzt. Jetzt haben Sie 14. Also alles erreicht?

Nein, noch nicht. Ich mache mir für jede Saison eine Liste mit persönlichen und mannschaftlichen Zielen. Diesmal standen zwölf Tore drauf, körperlich und mental stärker zu werden und Stammspieler zu sein. Das habe ich geschafft. Aber es stand auch Europa drauf. Und das ist noch nicht sicher.

Wolfsburg spielte vor Ihrem Wechsel zweimal Relegation, und Sie setzen sich gleich Europa als Ziel?

Ziele müssen hoch sein. Aber ich hatte nach den Gesprächen mit dem Manager und Trainer das Gefühl, dass es aufwärts geht. Und man sieht, dass wir als Mannschaft gut funktionieren.

Wann haben Sie erstmals daran geglaubt, Champions League spielen zu können?

Meine Laufbahn ist etwas anders. Ich war lange Amateur und schon fast 20 Jahre alt, als ich meinen ersten Profivertrag unterschrieben habe. Der Schlüsselmoment war für mich mein erstes Spiel in der Startelf von Almelo. Es ging direkt gegen Ajax, ich habe gut gespielt und in der 80. Minute das 2:1 geschossen. In dem Moment wusste ich, dass ich Profi bin und noch einiges kommen kann. Von da an habe ich an alles geglaubt.

Und dann musste sich Ihr Vater jemand anderen als seinen Nachfolger für die Leitung der Tankstellenkette suchen?

Nein, das war vorher klar, dass ich das nicht mache. Einer meiner Brüder hat es übernommen. Und keiner von uns darf kostenlos tanken (lacht). Es gibt nur einen kleinen Rabatt.

Wie viel Genugtuung spüren Sie, wenn Sie erfolgreich sind?

Es gab viele Leute, die mir gesagt haben: Du schaffst es nie, Profi zu werden. Dann ist es geil zu zeigen, dass ich es doch kann. Aber diese Worte waren nicht mein Antrieb. Meine Motivation war es immer, es mir selbst zu beweisen. Mein größtes Ziel war es, Nationalspieler zu werden. Das habe ich letztes Jahr geschafft. Damit habe ich mich selbst überrascht. Aber es geht weiter. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich am Limit bin.

Ich schaue mir oft Videos von Kane und Lewandowski an.

In Wolfsburg sind Sie absoluter Publikumsliebling. Sind Sie das aus Holland schon gewöhnt?

Nein, absolut nicht. In Holland hat es immer ein bisschen gedauert, bis sie mich mochten. Ich bin kein typischer holländischer Stürmer. Die sind oft technisch stark, das wollen die Fans sehen. Ich arbeite eben viel. Vielleicht passt das sehr gut in die Arbeiterstadt Wolfsburg.

Trotz der Super-Bilanz waren Sie zuletzt nicht in der Nationalelf dabei. Warum?

Weil ich es leider nicht entscheide. Es sind drei Stürmer: Memphis Depay, Luuk de Jong und ich. Der Nationaltrainer hat mir gesagt, dass er mit de Jong einen besseren Joker hat, ich sei eher der Allrounder für die Startelf. Es war offenbar nicht genug. Aber ich hoffe, dass ich im Sommer in der Nations League dabei bin.

Auf den ersten Blick erinnern Sie an den kultigen englischen Stürmer Peter Crouch. Stimmt der Vergleich?

Das habe ich oft gehört. Aber das passt überhaupt nicht. Ich arbeite in den Spielen wesentlich mehr. Ich schaue mir oft Videos von Robert Lewandowski oder Harry Kane an, weil es mir gefällt, wie sie sich bewegen und wie sie ihre Aktionen abschließen. Das bringt mir für mein eigenes Spiel viel.

Sie sind in Holland neben dem Fußball in Altenheime gegangen und ehrenamtlich mit alten Menschen spazieren gegangen. Machen Sie das in Wolfsburg auch?

Ich habe schon darüber nachgedacht. Aber mein Deutsch ist noch nicht gut genug, um mit alten Menschen sprechen zu können. In Holland hat mir das viel gegeben, aber es war auch hart für mich, als ein alter Mann, mit dem ich viel Zeit verbracht hatte, gestorben ist. Das habe ich zwei Monate nicht gut verkraftet. Aber ich suche solche Aktivitäten. In diesem Sommer gehe ich zum ersten Mal nach Afrika und unterstütze dort Kinder.

Sie stehen seit dem 13. Spieltag bei vier Gelben Karten. Wenn Sie ohne Sperre durch die Saison kommen, wie viele Wetten haben Sie dann gewonnen?

Gegen jeden. Auch gegen Jörg Schmadtke. Er hatte mir gesagt, dass es bis Weihnachten schon schwer für mich wird. Nun sind es 19 Spiele ohne Gelbe Karte.

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