"Ich lebte von 400 Euro"

Autor : Robert Schreier | 11.09.2019

Wolfsburgs Stürmer spricht über Mini-Verträge in Österreich, wie eine Doping-Sperre seine Karriere bedrohte und die Stärke des VfL.

SPORT BILD: João Victor, Sie sind in Ihrer ersten Saison gleich Stammspieler beim Tabellendritten Wolfsburg. Haben Sie vor fünf Jahren daran geglaubt?

JOÃO VICTOR (25): Ehrlich gesagt ist das völlig verrückt. Ich musste in meinem Leben einiges einstecken, um jetzt hier zu sein. Es gab viele harte Zeiten, in denen ich gelernt habe zu kämpfen. Im Moment habe ich die schönste Zeit meines Lebens.

Was war die schwierigste?

Ich war 2017 sechs Monate wegen Dopings gesperrt, als ich in Österreich bei Kapfenberg gespielt habe. Meine Mutter hatte mir eine Tablette gegen Kopfschmerzen eingepackt. Ich habe sie genommen und wusste nicht, dass darin ein Mittel enthalten ist, das auf der Doping-Liste steht. Die erste Strafe war eine Sperre von einem Jahr und acht Monaten. Das hat der Verband dann auf sechs Monate reduziert, weil ich keine körperlichen Vorteile durch das Medikament hatte. Aber ich konnte von heute auf morgen nicht mehr Fußball spielen und wusste nicht, wie mein Leben und das meiner Familie weitergehen sollte.

Wir waren zum Beispiel in Supermärkten und haben gefragt, ob ich dort arbeiten kann.

Hatten Sie Angst um Ihre Karriere?

Ja, ich dachte, meine Fußball-Laufbahn ist vorbei. Ich habe die Strafe an einem Sonntag zugestellt bekommen, und am Montag haben meine Mutter und ich nach einem neuen Beruf für mich geschaut. Wir waren zum Beispiel in Supermärkten und haben gefragt, ob ich dort arbeiten kann. Zum Glück kam dann der Linzer ASK, wollte mir helfen und hat mich verpflichtet. Aus dieser Zeit habe ich viel gelernt.

Sie fragen den Arzt, bevor Sie Medikamente nehmen?

Natürlich würde ich den Doktor anrufen, bevor ich etwas einnehme. Aber die Zeit damals hat mich so geprägt, dass ich heute gar keine Medikamente mehr nehme. Wenn ich Kopfschmerzen habe, trinke ich kaltes Wasser und gehe schlafen.

Wie sind Sie in Brasilien aufgewachsen?

Ich habe meine Familie schon als Kind verlassen. Ich wollte Fußballer werden, um für sie sorgen zu können. Meine Mutter arbeitete hart als Putzfrau, um Milch und etwas zu essen für mich und meinen Bruder kaufen zu können.

Meine Mutter hat alles für mich getan, als ich ein Kind war. Jetzt tue ich alles für sie.

Wie ist es heute?

Jetzt bin ich der, der die Rechnungen bezahlt und für die Familie sorgt. Sie haben alles für mich getan, als ich ein Kind war. Jetzt tue ich alles für sie. Mein Traum ist, dass ich in Brasilien ein Haus kaufen kann, in dem meine Mutter, mein Bruder und später meine Frau und ich leben.

Sie sind seit 2015 in Europa, da müssen Sie ja schon viel angesammelt haben.

Ich habe mit 18 für Palmeiras in Brasilien gespielt, da habe ich mein erstes Geld verdient. Als ich dann nach Österreich, nach Kapfenberg kam, ist nicht alles so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war zwar die 2. Liga in Österreich. Aber ich hatte tatsächlich nur 1000 Euro im Monat verdient. 600 habe ich nach Hause geschickt. Meine Frau und ich haben von 400 Euro gelebt.

Wie geht das denn?

Es ist nicht einfach, aber es geht, wenn du Freunde hast, die dir ab und zu helfen. Jeder in Brasilien dachte, ich gehe nach Europa und bin superreich. Das war aber nicht so.

Victor kam im Sommer für 3,5 Millionen Ablöse aus Linz nach Wolfsburg. 2 Millionen beträgt sein geschätztes Gehalt beim VfL.

 

Warum ist der VfL so gut gestartet und steht nach drei Spielen unter den Top 3?

Das liegt an uns Spielern. Wir haben sehr schnell verstanden, was Oliver Glasner als Trainer auf und neben dem Platz will. Er musste das meiste auch nur einmal erklären, und schon haben es alle so gemacht.

Sie waren mit Glasner schon in Linz …

Ja, für mich war es einfacher als für die anderen Spieler. Ich konnte oft sagen, dass der Trainer diesen oder jenen Laufweg sehen möchte. Es war kurios: Ich konnte den anderen helfen, obwohl ich neu war. Ich weiß genau, was er verlangt. Für mich waren aber andere Dinge ungewohnt: Die Liga ist wahnsinnig schnell, und die Gegner sind physisch stark.

Als ich in Österreich gespielt hatte, wollte ich unbedingt nach Deutschland. Also habe ich jedes Bundesliga-Spiel geschaut.

Dennoch haben Sie bisher immer als Außenstürmer gespielt. Sind Sie überrascht?

Eigentlich braucht man drei, vier Monate, um sich an die neuen Mitspieler und das andere Umfeld zu gewöhnen. Ich hatte nicht erwartet, dass ich gleich so viel spiele. Aber ich bin noch nicht zufrieden. Ich hatte mir vor der Saison das Ziel gesteckt, alle drei Spiele ein Tor zu schießen. Es sind drei Spiele um, aber ohne Tor von mir -das möchte ich verändern.

Wie bilden Sie sich fort?

Wenn wir kein Training haben, schaue ich Live-Spiele aus Brasilien, Spanien und Deutschland. Ich habe Fußball-Apps aus der ganzen Welt auf meinem Handy. Ich will alles wissen und sehen, wie sich große Spieler auf dem Platz bewegen. Als ich in Österreich gespielt hatte, wollte ich unbedingt nach Deutschland. Also habe ich jedes Bundesliga-Spiel geschaut. So habe ich parallel durch die Kommentatoren auch Deutsch gelernt.

Sie verstehen unsere Fragen auf Deutsch, antworten auf Deutsch und in sehr gutem Englisch. Das ist nicht typisch für Brasilianer.

Als ich nach Österreich kam, verstand ich nicht, was die anderen Spieler in der Kabine erzählen. Also musste ich die Sprache zu Hause lernen, um alles zu verstehen.

Was ist Ihr Ziel?

Ich will mit Wolfsburg zurück in die Champions League.

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