Oliver Glasner: „Ich möchte keine Soldaten, die Befehle ausführen“

Autor : Robert Schreier | 10.07.2019

Sport Bild: Herr Glasner, Sie haben bei den Verhandlungen mit Wolfsburg Spielszenen Ihres Ex-Klubs Linzer ASK auf Video gezeigt. Warum?

Oliver Glasner (44): Mir ist wichtig, dass beide Seiten wissen, was sie bekommen. Ich wollte zeigen, für welche Art von Fußball wir als Trainerteam stehen.

Welche Schlagwörter stehen für Ihre Philosophie?  

Aktiv, lauffreudig, mutig.

Dafür brauchen Sie Spieler, die bereit sind. Wie schaffen Sie das?

Eine gute Zusammenarbeit kann es nur geben, wenn man die Spieler mitnimmt. Wenn du alles autoritär von oben herab bestimmst, gehen die Spieler vielleicht eine Zeit lang mit – aber dann wird es ihnen zu viel. Ich möchte keine Soldaten, die Befehle ausführen. Ich möchte Spieler, die Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Manchmal möchten wir Trainer das übernehmen. Aber wir haben zum Glück kein Steuergerät wie bei der Playstation in der Hand, wo jeder Spieler auf Knopfdruck etwas ausführt.

Sagen Sie deshalb, Ihr Ziel sei es, dass jeder Spieler gern zum Training kommt?

Das ist in jedem Job so: Stellen Sie sich vor, Sie kommen zur Arbeit und wissen nicht, was Sie dort machen sollen, aber der Chef wird es schon sagen. Dann macht es keiner gern, es wird nicht erfolgreich sein. Ich bin der festen Überzeugung, dass du etwas besser machst, wenn du es gerne machst.

Wie lernen Sie die Charaktere Ihrer Spieler kennen?

Durch Beobachten. Im Training, in der Kabine, beim Essen. Aber noch wichtiger sind persönliche Gespräche. In der heutigen Zeit wird viel über Chats kommuniziert. Davon bin ich gar kein Freund. Ich möchte sehen, welche Reaktionen bestimmte Aussagen bewirken. Nur so kann man den Menschen hinter der Fassade kennenlernen. Und der ist mir wichtig.

Bei Ihnen gibt es also keine WhatsApp-Gruppe, um wichtige Dinge zu klären?

Für organisatorische Informationen nutzen wir natürlich digitale Mittel. Oder hängen sie  in der Kabine aus. Wenn mir Dinge wichtig sind, gehe ich auf den Spieler zu. Ich habe es schon erlebt, dass ein Spieler vom Training weggefahren ist und mir eine WhatsApp geschrieben hat. Ich habe ihn dann direkt angerufen und gefragt, warum er nicht fünf Minuten vorher persönlich zu mir gekommen ist.

Warum ist das für Spieler so schwierig?

Viele junge Menschen müssen erst wieder lernen, mit anderen Leuten Face to Face zu sprechen. Sie sind es einfach nicht mehr gewohnt.

Was sind für Sie No-Gos?

Eine offene Kommunikation ist wichtig. Wenn wir gemeinsam Mittag essen, soll es auch andere Themen als Fußball geben.

Sie haben eine Trennwand im Trainerbüro einreißen lassen. Für die Kommunikation?

Wir sind neun Personen im Trainerteam und dem dazugehörigen Staff. Ich möchte, dass wir immer den gleichen Informationsstand haben. So haben wir kurze Wege, und man lernt sich besser kennen.

Schauen Sie sich Dinge bei anderen Trainern ab?

Ich schaue sehr viel Fußball, vielleicht sogar zu viel. Aber ich möchte sehen, was neu ist. Wer offen ist, kann dazulernen. Denn was heute richtig ist, wird in fünf Jahren sicherlich nicht mehr richtig sein. Ich bin ein großer Freund von Trial and Error, also davon, Dinge auszuprobieren, auch auf die Gefahr hin, dass es nicht funktioniert. Kein Kind wird laufen lernen, ohne dass es hinfällt.

Wo haben Sie besonders gern hingeschaut?

Als ich in der Trainerausbildung war, hatte Borussia Dortmund die erfolgreiche Zeit mit Jürgen Klopp. Das war damals eine andere Art des Fußballs. Das hat mich geprägt.

Sie haben bei Red Bull Salzburg gelernt. Welche Rolle hat das bei Ihrer Prägung gespielt?

Ich war in Salzburg Co-Trainer unter Roger Schmidt. Kurz zuvor hatte ich eine Arbeit über meinen Wunsch-Fußball für die Trainer-A-Lizenz geschrieben. Die 20 Seiten habe ich Roger zum Lesen gegeben. Wir waren zu 90 Prozent deckungsgleich. Ich wusste, wohin ich wollte, aber dort habe ich das Handwerkszeug gelernt. Das Motto war: Freude am Spiel.

Ist es das noch heute?

Ja, es wäre doch ein Graus, wenn man in 20 Jahren zurückschaut und sagt: Das waren verlorene Jahre.

Wolfsburg spielt in dieser Saison in der Europa League. Ist das für Sie ein Traum, oder haben Sie Angst vor der zusätzlichen Belastung?

Ich freue mich natürlich, weil es immer unser Ziel ist, international zu spielen. Es gibt immer Chancen und Risiken, ich sehe lieber die Chancen.

In welche Tabellenregion gehört der VfL für Sie?

Wir wollen uns stabilisieren und einen Fußball entwickeln, für den wir stehen. Dann werden wir am Ende erfolgreich sein – ob auf Platz sechs, vier oder acht.

VW als Eigner wollte in der Vergangenheit immer Erfolge sehen. Spüren Sie die Erwartungshaltung?

In keiner Weise. Es gibt niemanden, der eine höhere Erwartungshaltung an mich und an die Mannschaft hat als ich. Ich muss mich sogar oft bremsen, um die Spieler nicht zu überfordern.

Ist die Champions League Ihr Ziel?

Wenn ich das unbedingt gewollt hätte, wäre ich in Linz geblieben. Der LASK spielt jetzt in der Champions-League-Qualifikation. Ich brauche aber keine Platzierungs-Ziele, um motiviert zu sein. Meine größte Motivation ist die Freude am Spiel. Ich lebe meinen Traum.

Wann leben Sie ihn nicht?

Ich war eine Woche vor dem Trainingsstart schon in Wolfsburg. Da konnte ich noch nichts draußen machen, weil die Spieler noch nicht da waren. Das war eine Qual für mich rauszuschauen, diese Bedingungen zu sehen, aber nicht auf dem Platz arbeiten zu können.

Sehen das Spieler, die mit Anfang 20 schon Millionäre sind, genauso?

Es ist mein größtes Anliegen, den Spielern das zu vermitteln. Ich wollte eigentlich Lehrer werden für Mathematik und Geografie. Jetzt bin ich Fußballlehrer und möchte dazu beitragen, dass Menschen mit dem, was sie tun, zufrieden und glücklich sind.

Wie groß ist der Schritt von einem österreichischen Verein in die Bundesliga?

Das werde ich in den Spielen am Umfeld merken. Bisher empfinde ich ihn als nicht so groß. Egal, woher die Menschen kommen, alle haben die gleichen Bedürfnisse. Sie wollen Respekt und dass man sie ernst nimmt. Natürlich sind die Arbeitsbedingungen besser, der Staff ist größer, die Ressourcen sind besser, die Trainingsplätze sind in einem fantastischen Zustand.

Einige Ihrer Trainingseinheiten haben über zwei Stunden gedauert. Können Sie auch Schleifer?

Wir setzen viele, kurze Belastungsspitzen. Dementsprechend lang sind die Pausen zur Erholung auf dem Platz. Daran mussten sich die Spieler erst gewöhnen. Die Muskulatur hat in den ersten Tagen entsprechend darauf reagiert.

Jagen Sie Ihre Spieler den berühmten Meister-Hügel von Felix Magath hinauf?

Das war eine Überraschung für mich: Es war mir nicht bewusst, dass der Hügel in Wolfsburg eine große Bedeutung hat. Viele Menschen verbinden ihn mit der Meisterschaft 2009. Aber wir werden den Hügel nicht nutzen. Ich sehe die Notwendigkeit nicht. Ich glaube nicht, dass wir erfolgreicher sind, wenn wir ihn nutzen.

Sie wirken sehr ausgeglichen, am Spielfeldrand können Sie aber auch ein Rumpelstilzchen sein. Haben Sie zwei Gesichter?

Ja, das war schon als Spieler so. Im Spiel bin ich voller Adrenalin. Ich bin ein großer Gerechtigkeitsfanatiker. Wenn ich das Gefühl habe, dass wir benachteiligt werden, kann ich aufbrausend werden. Und ich möchte oft ins Spiel eingreifen, kann es aber nicht. Mit dieser Hilflosigkeit umzugehen ist manchmal schwierig.

Sie mussten Ihre Spielerkarriere beenden, weil Ihnen nach einem Zusammenprall ein Blutgerinnsel im Kopf per Notoperation entfernt werden musste. Prägt Sie das Ereignis noch heute?

Natürlich war es einschneidend. Ich habe mir aus dieser Zeit ein paar Fotos im Handy gespeichert. Wenn ich mit Dingen unzufrieden bin oder nörgele, dann schaue ich mir die Bilder an, und es relativiert sehr vieles.

Was ist auf den Bildern zu sehen?

Ich konnte mich nicht mehr erinnern, was mit mir passiert war. Ich wurde in einem Krankenhaus wach, wusste aber nicht, warum ich dort bin. Als ich an mir herabschaute, bemerkte ich einige Schläuche. Ich habe nach meinem Handy gegriffen und die Kamera als Spiegel genutzt. Ich habe gesehen, dass die Haare meiner linken Kopfhälfte abrasiert waren und mein Schädel mit einem großen Pflaster zugeklebt war. Ich hatte die Nachtschwester noch gefragt, ob ich mit der Mannschaft nach Hause fliegen darf. Das konnte ich natürlich nicht. In der Situation und in den Tagen danach habe ich einige Selfies gemacht. Und wenn ich mir diese Bilder manchmal anschaue, bringt mich das schnell wieder ins Gleichgewicht, weil ich dann weiß, dass der Fußball wichtig, aber nicht lebensnotwendig ist.

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