Sebastian Jung: Der vergessene Nationalspieler

Autor : Robert Schreier | 20.03.2019

Der Wolfsburger war Nationalspieler, als er sich 2016 schwer verletzte. Seitdem hat er kaum gespielt. Hier spricht er über seinen langen Weg zurück auf den Platz.

Das Länderspiel der deutschen Nationalelf an diesem Mittwoch gegen Serbien wird er in Wolfsburg im Stadion verfolgen. Auf der Tribüne, nicht mehr auf dem Platz. 2014 bestritt Sebastian Jung (28) ein Länderspiel, war einer der besten Rechtsverteidiger der Liga. In den vergangenen drei Jahren absolvierte er verletzungsbedingt allerdings nur noch sechs Bundesliga-Spiele.

SPORT BILD: Herr Jung, Wie oft haben Sie sich gefragt, was ohne die Verletzungen gewesen wäre?

Sebastian Jung (28): Das einzige Szenario, das ich ab und zu im Kopf habe, ist: Was wäre gewesen, wenn ich im Champions-League-Spiel gegen Gent nicht diesem Ball hinterhergelaufen wäre und mir dabei nicht das Kreuzband gerissen hätte. Das war eine blöde Aktion. Aber dann wäre es vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt passiert.

Haben Sie die Szene im Nachhinein gesehen?

Ich habe sie mir bewusst angesehen. Es war dieser eine Moment, in dem mir der Gegenspieler in die Kniekehle gefallen ist. Er hatte keine Schuld. Ich hätte den Ball einfach ins Aus laufen lassen können. Die Szene gehört zu meinem Leben. Es war wichtig, sie mir anzusehen, um zu verstehen, was wann wie passiert ist.

Können Sie gut zuschauen , wenn Ihre Kollegen spielen?

Ich habe mich leider daran gewöhnen müssen. Am Anfang war es schwierig, jetzt kann ich gut zugucken und auch extrem stark mitfiebern.

Haben Sie ein Vorbild in Sachen Comeback?

Ich lese gern, dass ein Spieler nach einer längeren Verletzungspause sein Comeback feiert, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man länger raus ist. Holger Badstuber war von Verletzungen gebeutelt und ist wieder zurückgekommen. Sebastian Rode hatte es auch schwer. Wenn ich hart arbeite, schaffe ich es. Und ich brauche ein Quäntchen Glück, dass ich die Belastung aushalte. Es haben schon genug Spieler bewiesen, dass man es schaffen kann.

Wie geht es Ihnen aktuell?

Gut. Ich bin wieder komplett im Mannschaftstraining, nachdem ich das Trainingslager im Januar zwar gut überstanden, anschließend aber Probleme mit der Wade hatte. Das war aber nichts Dramatisches.

Bekommen Sie alle Verletzungen der letzten drei Jahre zusammen?

Die schlimmeren Verletzungen weiß ich natürlich. Pausen von vier, fünf Tagen habe ich vergessen, denn das sind im Vergleich zu einem Kreuzbandriss Peanuts.

Begonnen hatte alles im Februar 2016 mit einem Kreuzbandriss. Hatten die Folgeverletzungen damit zu tun?

Folgeverletzungen können immer passieren. Ich bin darauf auch untersucht worden. Wir haben unter anderem das Blutbild auf auffällige Werte überprüft, die Ernährung und den Magen-Darm-Trakt gecheckt. Es wurde nichts gefunden. Wahrscheinlich war es nur Pech.

Was ist Ihr größter Wunsch?

Das Wichtigste ist, gesund zu bleiben und wieder das machen zu können, was mir am meisten Spaß macht: endlich wieder ein Bundesliga-Spiel bestreiten und mit der Mannschaft erfolgreich sein.

Haben Sie langfristige Ziele?

Natürlich wäre es schön, wieder Stammspieler zu sein. Aber mit der Geschichte der vergangenen Jahre muss ich erst mal sehen, dass ich meine Spielminuten bekomme. Der erste Schritt wäre, es in den Kader zu schaffen. Dann hätte ich wieder das Gefühl, gebraucht zu werden.

Haben Sie im Training Angst vor der nächsten Verletzung?

Nein, auf dem Platz bin ich frei. Da gibt es nur Vollgas. Aber ich bin sensibler geworden. Jetzt spüre ich schneller, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Leider war das früher anders. Ich habe selten gemerkt, dass sich eine Verletzung anbahnt, weil mir mein Körper keine Alarmsignale gegeben hat.

Was war der schönste Moment der vergangenen Jahre?

Es ist immer schön, wenn ich nach einer langen Zeit wieder den Rasen betrete. Das kann auch ein Testspiel mit der U 23 sein. Einfach kicken, nur das zählt.

Der schlimmste Moment?

Das Härteste war, als ich die Diagnose Kreuzbandriss bekommen habe. Dann weißt du, dass du mindestens ein halbes Jahr lang raus bist. Das ist schwierig für den Kopf.

Am 17. Februar 2016 riss sich Jung im Champions-League-Spiel in Gent das Kreuzband.© Getty
Am 17. Februar 2016 riss sich Jung im Champions-League-Spiel in Gent das Kreuzband.

Haben Sie viel geweint?

Nein, dafür bin ich nicht der Typ. Ich war meistens die ersten ein, zwei Tage nach einer neuen Verletzung frustriert. Dann habe ich schnell wieder nach vorn geschaut. Als es immer wieder passiert ist, habe ich mir die Frage gestellt: Macht es noch Sinn? Meist beginnt aber die Reha schnell, und dann sind solche Gedanken wieder weg.

Was hat Sie motiviert?

Mich hat jeden Tag aufs Neue motiviert, wieder ins Stadion einzulaufen.

Was haben Sie gelernt?

Am Anfang meiner Karriere habe ich mich nach Fehlern öfter verrückt gemacht. Heute sage ich mir: Es gibt Schlimmeres. Denn drei Monate keinen Fußball spielen zu können ist heftiger, als einen Fehler auf dem Feld zu machen. Und ich habe viel über meinen Körper gelernt.

Und zwar?

In der Reha habe ich gelernt, für welche Muskelgruppe welche Übung gut ist. Ich habe bei Behandlungen sehr viel nachgefragt, und zu unseren Physiotherapeuten habe ich spaßeshalber gesagt, dass ich ihren Job mittlerweile auch machen könnte.

Trainer Bruno Labbadia hat in Wolfsburg durchgesetzt, dass verletzte Spieler während ihrer Reha nah an der Mannschaft bleiben. Ist das gut?

Einerseits ist es gut, den Kontakt nicht zu verlieren. Andererseits ist es gerade am Anfang schwer, wenn du die Mitspieler jeden Tag auf dem Platz trainieren oder spielen siehst, während du deine Reha machst. Aber mich hat das motiviert.

Wie geht der Trainer mit Ihnen um?

Er sagt: Wenn ich etwas merke, soll ich sofort Bescheid sagen und nicht einfach durchziehen. Er hat sich meine komplette Geschichte angehört, damit er ein Gefühl für die Situation bekommt. Ich merke, dass er mich gern als Alternative hätte.

Ihr Vertrag wurde während einer Verletzungspause verlängert, läuft nun aber im Sommer wieder aus.

Es wurden noch keine Gespräche geführt, und ich weiß auch nicht, ob und wann das passieren wird. Aber ich bin da recht entspannt. Wenn ich fit bleibe, wird sich im Sommer etwas ergeben – in welche Richtung auch immer.

Diese Website verwendet Cookies. Indem Sie die Website und ihre Angebote nutzen und weiter navigieren, akzeptieren Sie diese Cookies. Änderungen können Sie in ihren Browsereinstellungen vornehmen. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Seite Datenschutz & Cookies
Weiter