Was mich reizt? Feierabend-Bier!

Autor : Robert Schreier | 02.01.2020

Der Wolfsburger verrät, wie Österreicher die Bundesliga sehen und was ihm aus der Heimat fehlt

SPORT BILD: Herr Schla­ger, Sie haben sich am 31. Au­gust gegen Pa­der­born den Knö­chel ge­bro­chen, wur­den drei Tage spä­ter ope­riert. Es hieß, die Hin­runde habe sich er­le­digt. Doch vor Weih­nach­ten kamen Sie schon wie­der fünf­mal zum Ein­satz. Wie geht das?

XAVER SCHLA­GER (22): Ich hatte das Ziel, zum Ende der Hin­runde gegen Bay­ern im Kader zu sein und selbst auch nicht er­war­tet, dass es so schnell geht. Für mich war das Um­feld ent­schei­dend. Ich war in Ös­ter­reich bei der Phy­sio­the­ra­pie und habe eher Freund­schaf­ten ge­pflegt, als Fuß­ball zu schau­en. Ich habe nicht dar­über nach­ge­dacht, was ich wegen der Ver­let­zung nicht ma­chen kann, und mich so wie ein nor­ma­ler Mensch ge­fühlt. Und es lag an der rich­ti­gen Be­hand­lung der richtigen Leu­te.

Wie mei­nen Sie das?

Klas­si­sche Schul­me­di­zin kann man auf Sport­ler nicht an­wen­den. Da­nach hätte ich sechs Wo­chen Gips ge­habt. Bei mir kam er aber nach zwei Wo­chen ab und wurde durch einen Spe­zi­al­schuh er­setzt. Nor­ma­ler­weise wird bei so einer Ver­let­zung erst nach sechs Wo­chen be­las­tet, ich habe aber schon nach zwei damit an­ge­fan­gen, weil die Rönt­gen­kon­trol­len einen guten Hei­lungs­ver­lauf ge­zeigt ha­ben. Wir Fuß­bal­ler sind in dem Zu­sam­men­hang keine nor­ma­len Men­schen.

Sie mei­nen kör­per­lich?

Rich­tig. Für den Bruch mag Gips rich­tig sein, für das Ge­lenk ist es das Schlimms­te. So aber konn­ten wir dem Mus­ke­lab­bau und der Un­be­weg­lich­keit des Ge­lenks teil­weise ent­ge­gen­wir­ken. Wir haben immer dar­auf ge­ach­tet, dass ich mich so bewege, als wäre ich ge­sund. So musste ich nicht neu lau­fen ler­nen und habe Wo­chen ge­won­nen.

Sie sind zu Sai­son­be­ginn aus Salz­burg ge­kom­men und fu­rios in der Bundesliga ge­st­ar­tet.

Mir ist schon klar, dass das eine Stolz­frage ist: Die Deut­schen sa­gen, sie haben eine Su­per-​Li­ga, und in Ös­ter­reich spie­len sie Kin­der-​Fuß­ball. Das schät­zen viele falsch ein. Ich habe vor­her nicht in einer Dorf-​Liga ge­spielt.

In der letz­ten Sai­son haben wir mit Salz­burg Leip­zig zwei­mal in der Eu­ropa League be­siegt. Wir haben nicht nur ge­won­nen, wir waren zwei­mal spie­le­risch bes­ser. Si­cher werden Feh­ler in Deutsch­land schnel­ler be­straft . Aber am ers­ten Spiel­tag gegen Köln hatte ich zum Bei­spiel so viel Platz im Mit­tel­feld wie in Ös­ter­reich nie. Dort kämpft man mit allen Tricks.

Was mei­nen Sie?

Wenn Salz­burg kommt, las­sen Klubs den Rasen hoch­wach­sen, be­wäs­sern nicht, damit er lang­sa­mer wird. Und jeder rennt und kämpft im Mit­tel­feld. Ich hatte hier keine Pro­ble­me, das Ni­veau mit­zu­ge­hen. In Salz­burg herrscht in etwa das glei­che Le­vel. Red Bull würde in Deutsch­land ver­mut­lich auch oben mit­spie­len.

Sie waren bei Leip­zig und Glad­bach auf der Wunsch­lis­te. Warum Wolfs­burg?

Weil es ge­passt hat. Wir haben hier in Wolfs­burg ein ähn­li­ches Spiel­sys­tem. Und in Wolfs­burg ist es ru­hi­ger. Hier wer­den die Fans nach drei Nie­der­la­gen nicht gleich un­ru­hig, und nach drei Sie­gen denkt kei­ner, man wird Meis­ter. So kann man sich bes­ser ent­wi­ckeln.

Alle Teams woll­ten Sie wegen Ihrer Spiel­weise ho­len: kom­pro­miss­lo­ses Pressing, viel Dy­na­mik, stän­dig un­ter­wegs. Haben Sie schon immer so ge­spielt?

Ich war in der Ju­gend von Salz­burg. Mit dem Ein­stieg von Ralf Rang­nick wurde plötz­lich auf ge­rad­li­ni­gen Fuß­ball Wert ge­legt. Wir hat­ten Übungs­for­men, bei denen die Au­ßen­bah­nen im letz­ten Drit­tel des Fel­des ab­ge­schnit­ten wa­ren, damit wir di­rekt zum Tor mar­schie­ren. Wenn man das immer trai­niert, macht man es au­to­ma­tisch.

Dabei haben Sie als Tor­wart an­ge­fan­gen …

Na ja, da war ich drei Jahre alt. Meine Mut­ter stand hin­ter dem Tor und hat immer rechts oder links ge­ru­fen, als der Ball kam. Wahr­schein­lich habe ich nicht rea­giert, und dann war er drin. Nach einem 0:19 habe ich ge­weint und hatte keine Lust mehr. Seit­dem spiele ich drau­ßen. Aber es war nicht so ein­fach für meine El­tern, wenn das Kind mit elf Jah­ren von zu Hause weg ins In­ter­nat geht.

Vor dem ers­ten Ter­min im Salz­bur­ger In­ter­nat haben Sie sich über­ge­ben müs­sen.

Ja, ich war in der Schule und sehr auf­ge­regt. Da ging es mir nicht gut. Aber das ging vor­bei, als ich auf dem Platz stand.

Sie sind erst 22, woll­ten Salz­burg un­be­dingt ver­las­sen. Warum?

Klar wäre die Cham­pi­ons League mit Salz­burg cool ge­we­sen, aber in der Bun­des­liga hast du gegen Bay­ern, Dort­mund, Leip­zig und Le­ver­ku­sen al­leine schon acht Cham­pi­ons-​League-​Spie­le. Ich habe große Zie­le. Um die zu er­rei­chen, muss man schnell wei­ter­kom­men.

Wel­che Ziele haben Sie?

Ein Traum von mir war es schon im­mer, ein­mal bei Ar­se­nal zu spie­len. Ich war als Kind Bar­ce­lona-​Fan. Das Cham­pi­ons-​League-​Fi­nale 2006 habe ich mit mei­nem Papa im Wirts­haus bei einer Frit­ta­ten­suppe ge­schaut. Ob­wohl Barça ge­won­nen hat­te, war ich da­nach Ar­se­nal-​Fan. In der Cham­pi­ons League zu spie­len und mit Ar­se­nal eng­li­scher Meis­ter zu wer­den sind hohe Zie­le. Aber das muss so sein, so kann ich immer an mir ar­bei­ten und bin nie zu­frie­den.

Wel­che sind Ihre nächs­ten Ent­wick­lungs­schrit­te?

Das größte Po­ten­zial liegt im Kopf. Kör­per­lich ist jeder Spie­ler aus­ge­reizt, da kann man nicht mehr viel raus­ho­len. Es ist schwie­rig, sich in jedem Spiel so zu mo­ti­vie­ren, dass du auf 100 Pro­zent bist. Das ist die Kunst. Ich möchte jetzt wie­der an­fan­gen, mit einem Sport­psy­cho­lo­gen zu ar­bei­ten, weil ich weiß, dass es mir gut­tut.

Sie haben in Salz­burg schon viel mit einer Men­tal­trai­ne­rin ge­ar­bei­tet. Was haben Sie ge­lernt?

Es gab eine Pha­se, da habe ich nach ver­lo­re­nen Trai­nings­spie­len immer ge­sagt: Ich hätte mehr tun müs­sen. Ich habe auf jeden noch so klei­nen Feh­ler ge­schaut. Ich habe immer die Schuld bei mir ge­sucht. Und dann war es ein ver­lo­re­ner Tag. Aber das stimmt nicht. Manch­mal kann man nichts da­für. Das lernt man. In Eng­li­schen Wo­chen lasse ich zum Bei­spiel die letz­ten zwei Tage vor Spie­len ein­fach ge­sche­hen, rege mich über nichts auf. Und zum An­pfiff bist du men­tal wie­der voll da.

Wie wich­tig ist Dis­zi­plin?

Der Spie­ler mit mehr Ta­lent wird nicht der Beste sein, wenn er sich nicht gut ernährt, viel Al­ko­hol trinkt und jede Nacht bis 5 Uhr mor­gens wach ist. In der Ju­gend war es sehr schwie­rig: Meine Freunde waren immer fei­ern. Da stand­haft zu blei­ben ist nicht ein­fach. Mein Glück war, dass ich ein Jahr lang ver­letzt war und mich davon di­stan­ziert habe, um schnel­ler fit zu wer­den.

Was sind die größ­ten Ver­lo­ckun­gen für Sie?

Der Ver­zicht auf Sü­ßig­kei­ten fällt mir schwer. Mich reizt auch das Fei­er­abend­bier. Das wird dir in Ös­ter­reich vor­ge­lebt. Da gibt es mit Après-​Ski und Dorf­fei­ern so viele lus­tige Sa­chen. Das sind auch für mich Ver­lo­ckun­gen, aber denen musst du wi­der­ste­hen.

Sie sind auf Schnee­pis­ten groß ge­wor­den, lie­ben das Ski­fah­ren sogar so sehr, dass Sie kein Ski­fahr-​Ver­bot in Ihrem Ver­trag ha­ben. War das wegen der Knö­chel­ver­let­zung der erste Win­ter ohne Skier für Sie?

Nein, na­tür­lich nicht. Ich bin fit. Ich habe einen Ski­schuh, der den Knö­chel mehr fi­xiert als jeder Fuß­ball­schuh oder jedes Tape. Da wäre Lau­fen ge­fähr­li­cher. Es kann aber nichts pas­sie­ren, wenn man sich nicht ganz dep­pert an­stellt. In mei­nem Knö­chel ist alles mit einer Stahl­platte fi­xiert. Die bleibt ein hal­bes Jahr drin. Ich habe sogar einen Schein vom Arzt be­kom­men, falls der Me­tall­de­tek­tor am Flug­ha­fen piept.

Fehlt Ihnen die Hei­mat?

Ich bin mit dem Al­pen­pan­orama auf­ge­wach­sen, das fehlt schon ein biss­chen. In Ös­ter­reich ist man hei­mat­ver­bun­den und tra­di­tio­nell. Wir haben viele Bräu­che. Ich bin auf dem Dorf auf­ge­wach­sen. Le­der­ho­sen sind bei uns ein Muss. Es gibt einen Stamm­tisch, an dem sich alle tref­fen und Kar­ten spie­len. Das war bei mei­nem Opa schon so. Und ich möchte das nach der Kar­riere auch ha­ben.

Weg vom Fuß­ball?

Ich weiß jetzt schon, dass ich nach mei­ner Kar­riere min­des­tens ein, zwei Jahre in mei­nem Dorf ver­brin­gen möch­te. Ohne Stress, damit Kör­per und Geist run­ter­fah­ren kön­nen. Dar­auf freue ich mich jetzt schon. Ich brau­che kei­nen großen Rum­mel, mir reicht ein ein­fa­ches Le­ben.

Auf Ihrem Tri­kot steht Ihr Vor­name Xa­ver. Warum?

Als Kind war ich mit mei­nem Vor­na­men nicht glück­lich, weil mich alle ge­fragt ha­ben, wie man den aus­spricht. Spä­ter fand ich es cool, dass sonst kei­ner so heißt. „Schla­ger“ ist in Ös­ter­reich ein Al­ler­welts­na­me. Meine El­tern haben früh zu mir ge­sagt: Wenn du Profi wir­st, schreib Xaver auf dein Tri­kot. Der VfL hat es bei der DFL an­ge­fragt, es war kein Pro­blem.

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